Neue Intendantin der Dresdner Semperoper tritt ihr Amt an

Ulrike Hessler ist die erste Frau an der Spitze der Sächsischen Staatsoper

Ihre erste Opernaufführung besuchte Ulrike Hessler im Alter von acht Jahren. Damals wurde in der Bayerischen Staatsoper in München «Hänsel und Gretel» aufgeführt, und die damalige Schülerin aß in der Spielpause Vanilleeis mit heißen Himbeeren. «Und das, obwohl ich eigentlich gar kein Eis mag», sagt Hessler.

Die Opernwelt hat bei der heute 55-Jährigen einen größeren Eindruck hinterlassen. 26 Jahre lang war Hessler an der Bayerischen Staatsoper tätig und wird nun am 1. August die Nachfolge von Gerd Uecker als Intendantin der Semperoper in Dresden antreten.

«Die Semperoper gehört zu den bekanntesten Opernhäusern der Welt und ist ein Symbol für Dresden», schwärmt Hessler über ihre künftige Wirkungsstätte. Die lange Tradition und die bewegte Geschichte des Hauses wirkten bis in die heutige Zeit hinein. Folglich habe sie vor zwei Jahren, als ihr die Führungsposition an der Oper angeboten wurde, nicht lange nachgedacht und zugesagt, erzählt Hessler. Damit wird sie die erste Frau sein, die die Geschicke des Opernhauses führt.

Über ihren Werdegang in der Opernwelt sagt Hessler: «Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht.» Bevor sie 1984 als Assistentin des Pressesprechers an die Bayerische Staatsoper ging, hatte sie Neuere deutsche und französische Literatur studiert und als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Eichstätt gearbeitet. Nach und nach kletterte sie dann an der Münchner Oper die Karriereleiter nach oben und war von 2006 an als Mitglied des Direktoriums an der kommissarischen Leitung des Opernhauses beteiligt.

In Dresden wird Hessler künftig die alleinige Verantwortung übernehmen und hat sich dafür einiges vorgenommen. «Ich möchte aufregende und neue Produktionen spielen, das Ensemble erweitern und neue Regisseure verpflichten», sagt Hessler über ihre Pläne. Besonders am Herzen liegt ihr die Jugend, die sie verstärkt für die Oper gewinnen möchte. «Wir müssen mehr dafür tun, vor allem jungen Leuten die Opernsprache zu vermitteln», sagt Hessler.

Aus diesem Grund führt die neue Intendantin ab der kommenden Spielzeit neben der Oper, dem Ballett und den Konzerten der Staatskapelle die vierte Sparte «Junge Szene» ein. Sie soll sich an ein eher jüngeres Publikum richten und die Einbindung der Zuschauer in die Aufführungen ermöglichen.

Schon im neuen Spielplan der Semperoper lässt sich eine gewisse Handschrift der neuen Intendantin erkennen. So wird es 14 Neuproduktionen, 44 Sänger- und 17 Dirigentendebuts geben. Eine Neuerfindung der Semperoper steht allerdings nicht auf der Agenda von Hessler. «Ich möchte das große Repertoire der Semperoper weiter pflegen», sagt sie. Wagner, Strauss, Verdi und Mozart würden auch weiterhin dem Dresdner Publikum gezeigt.

Für Vorfreude sorgt bei Hessler die Zusammenarbeit mit Christian Thielemann, den künftigen Chefdirigenten der sächsischen Staatskapelle. Er wird - auch auf Wunsch von Hessler - ab der Spielzeit 2012/2013 in Dresden tätig sein. «Wenn Thielemann in Dresden spielt, wird die Welt die Ohren aufmachen», verspricht Hessler. Schon jetzt zähle die Staatskapelle zu den zehn besten Orchestern der Welt und werde sich durch die Verpflichtung Thielemanns noch weiterentwickeln.

Die weltweite Bekanntheit der Semperoper ist nach Ansicht von Hessler für Dresden sowohl Fluch als auch Segen. Zwar strömten die Touristen in Scharen in die Aufführungen und sorgten für eine Auslastungsquote von nahezu 100 Prozent. «Wenn Dresdner allerdings spontan in die Oper gehen wollen, ist es für sie umso schwieriger, an Karten zu gelangen», sagt Hessler. Im schlimmsten Fall seien Samstagabendvorstellungen bereits anderthalb Jahre vorher ausgebucht. «Mit einem speziellen Kartenkontingent für alle Dresdner wollen wir die Semperoper künftig noch enger an die Stadt binden», kündigt Hessler an.

Für eine kulinarische Neuerung an der Semperoper möchte Hessler in ihrer Intendanz ebenfalls sorgen. In Erinnerung an ihren ersten Opernbesuch soll es auch in Dresden künftig ein erstklassiges Restaurant im Opernhaus geben. «Mit unserem neuen Küchenchef, dem Dresdner Sternekoch Stefan Hermann, werde ich aber noch diskutieren, ob es Vanilleeis mit heißen Himbeeren geben wird", sagt Hessler.

Von ddp-Korrespondent Christian Wolf

Die Dresdner Semperoper in zwölf Daten:
- Die Sächsische Staatsoper gilt als eines der schönsten Opernhäuser der Welt und wurde nach ihrem Architekten Gottfried Semper (1803-1879) benannt;
- Sie wurde nach Sempers Plänen dreimal neu gebaut;
- 1838 Bau des ersten königlichen Hoftheaters, 1841 Eröffnung mit Goethes Schauspiel «Torquato Tasso» und Webers Jubel-Ouvertüre;
- 1843 bis 1848 war Richard Wagner in Dresden als Kapellmeister tätig;
- 1869 wurde das Königliche Theater durch einen Brand zerstört;
- 1871 bis 1878 Bau des zweiten Königlichen Hoftheaters;
- Beim Bombenangriff auf Dresden am 13. Februar 1945 wurde das Haus erneut zerstört;
- 1952 bis 1956 zunächst Wiederherstellung der äußeren Gestalt des Gebäudes. In in den 70er Jahren entschied man sich nach langer Diskussion für eine originalgetreue Rekonstruktion des Opernhauses;
- Wiedereröffnung am 13. Februar 1985 mit Carl Maria von Webers Oper «Der Freischütz»;
- Sechs Skulpturen (Schiller, Goethe, Shakespeare, Sophokles, Moliére, Euripides) an der Fassade stammen noch vom ersten Semperbau und wurden in den Neubau integriert;
- Bei der Flutkatastrophe 2002 wurde die Semperoper erneut beschädigt; die Folgen sind inzwischen beseitigt;
- am 1. August wird Ulrike Hessler die erste Intendantin der Semperoper;

Ulrike Hessler in neun Daten:
- Ulrike Hessler wurde 1955 in Kassel geboren;
- an der Ludwig-Maximilians-Universität in München studierte sie Neuere deutsche und französische Literatur;
- danach war sie bis 1984 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Eichstätt sowie freie Mitarbeiterin bei Zeitschriften und Rundfunkanstalten;
- 1984 promovierte Hessler zum Dr. phil. mit einer Arbeit zum Thema deutsche Exilliteratur;
- seit 1984 wirkte sie an der Bayerischen Staatsoper; zunächst als Assistentin des Pressesprechers und ab 1988 als Pressesprecherin;
- 1993 wurde Hessler Leiterin der Public Relations Abteilung an der Staatsoper und Mitglied der Direktion;
- mit Beginn der Spielzeit 2001/2002 stieg Hessler zur Direktorin für Public Relations auf und war auch für die Programmentwicklung zuständig;
- in den Spielzeiten 2006/2007 sowie 2007/2008 war Hessler als Mitglied des Leitenden Direktoriums mit der kommissarischen Leitung der Bayerischen Staatsoper beauftragt;
- ab 1. August 2010 tritt Hessler die Nachfolge von Gerd Uecker als Intendantin der Dresdner Semperoper an.

Quelle: www.semperoper.de

ddp/wol/han

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