Ohnsorg-Theater startet in letzte Spielzeit im alten Haus

Umzug für August 2011 geplant - Bieberhaus eröffnet neue Möglichkeiten

Ein wenig Abschiedsschmerz schwingt in der Stimme des Hamburger Ohnsorg-Theater-Intendanten Christian Seeler mit. Doch es überwiegt die Neugier und die Lust zum Aufbruch.

Am Sonntag (22. August) startet die niederdeutsche Bühne in ihre letzte Spielzeit im alten Haus unweit des Jungfernstieges.

Im August 2011 steht nach 75 Jahren der Umzug in ein neues Quartier an, ein Katzensprung vom Hauptbahnhof entfernt. Im dortigen Bieberhaus will das Theater eine sanfte Weiterentwicklung zwischen Tradition und Moderne vollziehen. Auch wird die Bühne dann am Heidi-Kabel-Platz residieren, der passend zur Eröffnung des neuen Domizils eingeweiht wird.

«Der Umzug ist eine einmalige Chance für das Ohnsorg-Theater», sagt Seeler, der 1982 als jugendlicher Liebhaber in einem Stück an der Traditionsbühne begann, zum kaufmännischen Direktor des Hauses aufstieg (1984-1992) und 1996 Intendant des damals kriselnden Theaters wurde. Mit der Wiederbelebung des Konzepts aus Komödien, Volksstücken und ernsten Stoffen führte er das Theater zum Erfolg zurück. Trotz Wirtschaftskrise hat die Bühne derzeit eine Auslastung von rund 82 Prozent und eine Abonnentenzahl von 9500.

1902 von Richard Ohnsorg unter dem Namen «Dramatische Gesellschaft» gegründet, erhielt das Haus 44 Jahre später den Namen des Initiators. 1936 zog das Ensemble in die Großen Bleichen, dem heutigen Standort. Mit der ersten TV-Übertragung («Seine Majestät Gustav Krause») wurde das Ohnsorg-Theater 1954 bundesweit bekannt und machte in der Folge die inzwischen verstorbenen Mimen Heidi Kabel und Henry Vahl zu Stars.

Um auch außerhalb des niederdeutschen Sprachraums verstanden zu werden, wird bei den TV-Aufzeichnungen bis heute eine stark norddeutsch eingefärbte Form des Hochdeutschen gesprochen, genannt «Missingsch». Fernab des Fernsehens hat der frühere Intendant Hans Mahler ein Holsteiner Platt als Bühnensprache festgelegt.

«Das Ohnsorg Theater hat eine herausragende Bedeutung für den Erhalt des Plattdeutschen, weil es Menschen allen Alters mit der Sprache zusammenbringt», sagt Uwe Hansen vom Verein Plattdüütsch in Hamborg. Heinrich Meyer vom Plattdeutschen Rat für Hamburg betont, dass das Theater sich insbesondere mit der Aufführung von klassischen Stoffen von Storm, Hauptmann oder Goethe «ein kulturell anspruchsvolles Niveau» erarbeitet habe.

«Das Ohnsorg-Theater ist nach wie vor eine Institution in Hamburgund weit darüber hinaus - typisch norddeutsch, traditionsbewusst, aber auch offen für Experimente», sagt NDR-Intendant Lutz Marmor, dessen Sender im vergangenen Jahr 32 alte und neue Stücke aus dem Ohnsorg-Theater zeigte. Im aktuellen Jahresschnitt erreichen die Ausstrahlungen einen Marktanteil von 7,3 Prozent in Norddeutschland. Bundesweit sind pro Sendung bis zu einer Million Zuschauer dabei.

Mit der zehn Millionen Euro teuren neuen Spielstätte will Seeler die Zukunft des Theaters langfristig sichern, professioneller und erwachsener werden. Das Bieberhaus eröffnet dem Intendanten neue Möglichkeiten: «Wir haben jetzt 369 gute und 20 in der Sicht eingeschränkte Plätze und dann nur noch 406 gute Plätze», sagt der 51-Jährige, der die Kartenpreise um etwa zwei Euro erhöhen wird.

Das Bieberhaus entspreche den modernsten Ansprüchen, biete mehr Komfort, mehr Platz, bessere Akustik und beherberge zusätzlich eine Studiobühne, auf der plattdeutsches Kinder- und Jugendtheater gespielt werde. Auch ist die dann 200 Quadratmeter große Bühne höher, weshalb das Theater neue Stücke entdecken kann. «Wir können endlich an Weihnachten 'Peterchens Mondfahrt' spielen und den Mond von oben herunterkommen lassen», sagt der studierte Germanist Seeler.

Meyer glaubt, dass der Umzug dem Ohnsorg-Theater einen noch größeren Zulauf bescheren wird. Das hofft auch Seeler, auch wenn der eine oder andere Zuschauer den Wechsel sicherlich nicht mitmachen werde. «Wir nehmen die Seele des Hauses mit - die Schauspieler, die Stücke, die Menschen, die in diesem Theater arbeiten.» Auch bleibe Ohnsorg ein gemütliches und warmherziges Volkstheater im Herzen der Stadt. Am 28. August 2011 soll das neue Ohnsorg-Theater am Heidi-Kabel-Platz mit Shakespeares «Sommernachtstraum» eröffnet werden.

Von ddp-Korrespondentin Jana Werner
ddp/jaw/nad

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