Residenztheater setzt auf das Internet als Bühne

Am Donnerstag beginnt die Intendanz von Martin Kusej

Blutrot auf schwarzem Grund - das Residenztheater eröffnet die neue Spielzeit mit einem visuellen Paukenschlag, der in der ganzen Stadt widerhallt: Dramatisch große Lettern leuchten von Plakaten und Litfaßsäulen. Die Botschaft ist klar: Das altbekannte "Staatsschauspiel" von Intendant Dieter Dorn ist tot, es lebe das "Residenztheater".

Am Donnerstag (6. Oktober) beginnt die erste Spielzeit des neuen Intendanten Martin Kusej.

Der 50-jährige Österreicher setzt dabei nicht nur visuell auf Superlative: Vier Premieren am ersten Wochenende, 27 Produktionen in der ersten Spielzeit und eines der größten Ensembles im deutschsprachigen Raum.

Der neue Intendant will seinem Theater dabei auch neue Kommunikationswege erschließen: "Martin Kusej sieht das Internet als weitere Bühne", sagt Sprecher Ingo Sawilla. Kusej setzt damit einen deutlichen Schlusspunkt hinter die Ära seines Vorgängers, der die Münchner Theaterlandschaft insgesamt 35 Jahre prägte.

Bühnen- und Internetversion

Das Eröffnungswochenende wartet mit einem Premierenreigen auf: Den Anfang macht am Donnerstag Kusej selbst mit seiner Schnitzler-Inszenierung "Das weite Land". Es folgen am Freitag die Uraufführung von Albert Ostermaiers "Halali" im Cuvilliéstheater (Regie: Stephan Rottkamp) und am Samstag die deutschsprachige Erstaufführung von Neil LaButes "Zur Mittagsstunde" (Regie: Regie Wilfried Minks).

Am Sonntag schließlich steht im Marstall eine doppelte Uraufführung auf dem Programm: Frei nach dem Vulkanasche-Unfall heißt das Stück "Eyjafjallajökull-Tam-Tam". Darin lässt Autor Helmut Krausser Gestrandete in einem lahmgelegten Flugzeugterminal aufeinanderprallen.

Das Stück steht sinnbildlich für Kusejs neue Internet-Strategie. Regisseur Robert Lehniger hat eine Bühnen- und eine Internetversion inszeniert, die zeitgleich Premiere haben: "Wir haben vor dem Sommer mit allen Schauspielern die komplette Geschichte in Spielfilmlänge umgesetzt. Diese Videos werden der Hauptinhalt für die Internetseite sein, die wie ein labyrinthisches Verzeichnis funktioniert. Man kann sich eine Figur aussuchen und ihr mitten in diesen dreieinhalbstündigen Film folgen", erläutert Lehniger.

Eine Video-Wall mit Loops aus dem Film führt bei einem Klick auf einen Filmausschnitt direkt an die Stelle, an der die Szene im Film vorkommt. Jeder Zuschauer ist dabei sein eigener Regisseur: "Man kann sich seinen ganz individuellen Pfad durch die Geschichte bahnen", sagt Lehniger. "Und man kann vorspulen, wenn eine Szene langweilig wird. Das alles geht im Theater natürlich nicht." Die Idee vom aktiven Zuschauer hat der Regisseur auch in die Bühnenfassung integriert: Der ganze Marstall wird zum Terminal, in dem sich Schauspieler wie Zuschauer von Raum zu Raum bewegen.

Grenzen sprengen

"Die Doppelpremiere auf der Bühne und im Netz hat für Residenztheatersprecher Sawilla Modellcharakter: "Mit heiterem Hinter-die-Kulissen-Blicken wollen wir uns nicht begnügen. Es geht um die Verbindung von Bühne und Netz." Dementsprechend hofft Lehniger auf eine Wechselwirkung beider Inszenierungen. So sollen die Videotrailer, die bereits vorab auf der Residenztheaterseite zu sehen sind, User zu Theatergängern machen. Und der Theaterabend soll zur Web-Version führen.

Kusej selbst hatte schon im Juni "Eyjafjallajökull-Tam-Tam" als ein "Grenzen sprengendes Projekt" bezeichnet. Es soll aber auch dazu dienen, Kusejs große Schauspielertruppe dem Publikum vorzustellen. Das Stück wurde für das komplette, mehr als 50-köpfige Ensemble geschrieben.

Von Ulrike Köppen
dapd

Sieben Daten zu Martin Kusej:

- Martin Kusej wurde am 14. Mai 1961 in Wolfsberg im österreichischen Kärnten geboren
- 1982 nahm er ein Regiestudium in Graz auf.
- 1987 die erste Inszenierung in Graz: "Es" von Karl Schönherr.
- Ab 1993 fester Regisseur beim Staatsschauspiel Stuttgart.
- Danach arbeitete er an der Berliner Volksbühne, am Deutschen Schauspielhaus und am Thalia Theater Hamburg sowie am Wiener Burgtheater.
- 2005 und 2006: Leitung des Schauspiels der Salzburger Festspiele.
- Martin Kusej ist der Nachfolger des Intendanten Dieter Dorn am Bayerischen Staatsschauspiel.

dapd

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