Schüler für Tanz «alphabetisieren» - «Tanzplan» der Kulturstiftung des Bundes läuft aus

Völckers: Es gibt mehr Aufmerksamkeit für Tanz

Die Kulturstiftung des Bundes hat 2006 den «Tanzplan Deutschland» ins Leben gerufen. Ziel war es, den zeitgenössischen Tanz und seine öffentliche Anerkennung zu stärken.

12,5 Millionen Euro stellte die Stiftung für das 2010 auslaufende, fünfjährige Projekt bereit. Mit dem mit 6,4 Millionen Euro unterstützen «Tanzplan vor Ort» wurden bundesweit Städte eingeladen, Konzepte zur Profilierung des Tanzes auszuarbeiten.

Mit der Künstlerischen Direktorin der Stiftung, Hortensia Völckers, sprach ddp-Korrespondentin Nadine Emmerich in Berlin über die erreichten Ziele und die Zukunft des Tanzes.

ddp: Der «Tanzplan» läuft Ende des Jahres aus. Sehen Sie das Projekt als abgeschlossen an?

Völckers: Eine sinnvolle Förderung von Tanz auf Bundesebene kann nie abgeschlossen sein. Einige Projekte werden auch weiterlaufen, weil die Partner auf Länder- oder kommunaler Ebene sie fortführen. Ich hoffe, dass das zumindest in 50 Prozent der Fälle so sein wird. Wir haben in den neun Partnerstädten ja mit dem Prinzip des Matching-Fund, der Komplementärfinanzierung aus öffentlichen und privaten Mitteln, gearbeitet.

ddp: Sie hatten mehr Anerkennung für den zeitgenössischen Tanz gefordert. Gibt es die inzwischen?

Völckers: In unserem Stiftungsrat ist es Konsens, dass Tanz wichtig ist, und dass etwas für den Tanz getan werden muss. Wenn man aber in den Zeitungsfeuilletons schaut, wie viel Platz Tanzbesprechungen bekommen, würde ich sagen nein. Wenn ich sehe, wie viel Förderung Tanz im Vergleich zu Theater oder zu Musik und Oper
bekommt, würde ich ebenfalls sagen nein. Auch mit Blick auf die Interessensvertretungen für den Tanz sind wir noch nicht weit genug.

ddp: Woran liegt das?

Völckers: Tanz hat Schwierigkeiten mit der Artikulation, das ist nicht das Instrument, mit dem die Akteure arbeiten. Da sind die Theaterregisseure einfach sehr viel machtvollere Rhetoriker. Es gibt auch viele Choreografen und Tänzer, die gar kein Deutsch können, weil sie es für ihre Arbeit nicht brauchen. Daher haben sie viel größere Schwierigkeiten, ihre Interessen zu vertreten.

ddp: Ist es geplant, den «Tanzplan» nochmal zu verlängern?

Völckers: Nein. Der Tanz soll aber bei uns bei der Stiftung weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Wir werden uns neue Sachen ausdenken, und ich hoffe, dass wir das bis zum Sommer schaffen.

ddp: Was würden Sie als größten Erfolg des Tanzplans werten?

Völckers: Die Aufmerksamkeit, die dem Tanz gewidmet wurde. Das Thema Tanz in den Schulen ist sehr viel weiter gekommen. Da gibt es jetzt einen Bundesverband und es gibt viele Städte, in denen schon rund 100 Schulen Tanz unterrichten. Was nun fehlt, ist die Ausbildung von Lehrpersonal, weil so viele Schulen Bedarf anmelden. Für die Kinder ist Tanz phänomenal, weil es eine ganzheitliche Erfahrung ist.

ddp: Sehen Sie den für viele Menschen doch schwierigen Zugang zum Tanz als ein Grundproblem?

Völckers: Warum haben wir diese Scheu? Vielleicht müssen wir für den Tanz alphabetisiert werden. Wenn alle Kinder neben Musik- auch Tanzunterricht in den Schulen hätten, würde es da eine viel größere Selbstverständlichkeit geben. Wenn jeder selbst mal getanzt hätte, würde Tanz zum Bildungskanon einfach dazugehören und keine exotische Sache mehr sein. Ich glaube fest daran, dass Tanz nur so einen festen Platz in der Gesellschaft bekommen wird. Das ist aber ein langer Weg, das könnte noch ein paar Jahrzehnte dauern.

ddp: Wenn der Tanzplan ausläuft, haben Sie dann nicht ein bisschen Angst, dass das bisher Erreichte verpufft?

Völckers: Ja, ich steuere aber wie besessen dagegen an. Ich hoffe, dass die Vertreter des Tanzes stark werden und sich das, was sie brauchen, beim Bund selbst besorgen. Wir in der Stiftung werden uns ein paar schöne Sachen ausdenken, die ihren Teil dazu tun.

ddp/nad/han

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