Simons will neue Theaterformen in München

Kammerspiele zeigen Uraufführungen von Jelinek, Kriegenburg und Pollesch

Der neue Intendant hat sich eine Menge vorgenommen, und es klingt vielversprechend: Der Niederländer Johan Simons will die Münchner Kammerspiele (MK), das «Theater des Jahres 2009», für neue Theaterformen und die Zusammenarbeit mit Künstlern aus anderen Bereichen öffnen.

Er will aber zugleich mit dem Ensemble auch ins Stadtgebiet ausschwärmen und Vorstellungen im «Stadtraum» präsentieren. Für die erste Spielzeit des neuen Intendanten kündigten die Kammerspiele am Donnerstag 17 Premieren und Projekte an, darunter gleich zehn Uraufführungen.

Einmal mehr warten die Kammerspiele dabei genauso mit jüngeren, eher unbekannteren Regisseuren wie mit großen Namen auf. Unter den Uraufführungen im Schauspielhaus ist beispielweise eine Simons-Inszenierung von Elfriede Jelineks neuem Text «Winterreise», ein Projekt von Andreas Kriegenburg mit dem Titel «Alles nur der Liebe wegen» und eine Adaptation des Jack-London-Romans «Ruf der Wildnis» in der Regie des Letten Alvis Hermanis. In Koproduktion mit den Salzburger Festspielen inszeniert Jossi Wieler eine Bühnenfassung der Stefan-Zweig-Novelle «Angst». Feridun Zaimoglu und Günter Senkel schrieben für die Kammerspiele ein Stück mit dem Titel «Alpsegen», der Niederländer Ivo van Hove wagt sich an den Mythos «Ludwig II.» auf Grundlage des Films von Luchino Visconti.

Dabei will Simons allerdings eine zu starke Fokussierung auf das große Schauspielhaus vermeiden. Er habe das Gefühl, dass sich in Deutschland Vorstellungen in einem Saal mit 600 Plätzen größerer Wertschätzung erfreuten als Aufführungen in einer Garage mit 50 Zuschauern. «Ich will das Theater außerhalb des großen Saals aufwerten», erläuterte Simons.

So eröffnet er im Oktober mit der Spielhalle eine neue Bühne der Kammerspiele. Zum Auftakt inszeniert er dort selbst eine Adaption des Romans «Hotel Savoy» von Josef Roth. Und im Werkraum wird unter anderem ein Stück von René Pollesch mit dem Titel «XY Beat» zu sehen sein, Stefan Pucher bringt «Mjunik Disco» nach Texten von Rainald Goetz, Thomas Meinecke und Andreas Neumeister auf die Bühne.

Darüber hinaus plant der neue Intendant zwei Inszenierungen im «Stadtraum. Er wolle an «ganz verschiedenen Orten ein 'MK-Gefühl' entstehen lassen», betont Simons. Man müsse die Herausforderung annehmen, auch vor Menschen zu spielen, die bislang keine Erfahrungen mit Theater hätten. So führt Simons selbst in etwa einem Jahr Regie bei der Tragödie «Die Perser» von Aischylos. Dabei will er neben Schauspielern auch alte Menschen aus einem Stadtviertel mit einbinden. Und Schorsch Kamerun erarbeitet eine «Parade der Vorstädte».

Simons übernimmt die Kammerspiele zur neuen Saison nach einem Übergangsjahr unter der Leitung eines dreiköpfigen Direktoriums. Der frühere Intendant Frank Baumbauer hatte das städtische Theater auf eigenen Wunsch im Sommer 2009 verlassen.

Simons setzt zwar zu etwa 80 Prozent auf das bisherige Ensemble der Kammerspiele, verspricht aber viel Neues. Er wolle Ideen für ein Theater zusammentragen, «das mitten in der Welt steht - ein Theater, in dem das Licht brennt», verkündet der Niederländer. Dabei habe das Repertoire der Spielzeit 2010/2011 «viel mit München zu tun», was ihm sehr wichtig sei. Aus diesem Grund nehmen sich die Kammerspiele auch den umfangreichen München-Roman «Erfolg» von Lion Feuchtwanger vor: Simons plant einen «monatlichen Lesemarathon» mit dem Ensemble und will auf diese Weise das Buch im Verlauf der Spielzeit komplett durcharbeiten.

Seine erste Begegnung mit der bayerischen Landeshauptstadt hatte Simons bereits vor rund 45 Jahren: Mit 18 habe er eigentlich eine Woche in München verbringen wollen, sei vor lauter Heimweh aber schon nach drei Tagen wieder in den Bus nach Holland gestiegen. Dieses Mal, räumte er ein, werde er es «länger aushalten müssen - ich bin die kommenden fünf Jahre Intendant».

www.muenchner-kammerspiele.de

Von ddp-Korrespondent Petr Jerabek
ddp/pje/wsd

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