Theater-, Kino- und Konzertkarten für Bedürftige

Marburger "Kulturloge" macht bundesweit Schule

Ein Theater- oder Konzertbesuch ist für Monika Kuhn eigentlich ein unbezahlbarer Luxus. Die Marburgerin lebt nach langer Arbeitslosigkeit von einer Rente, die nur knapp über der Grundsicherung liegt.

Dass sie seit einem Jahr mal ein Konzert einer wenig bekannten kanadischen Sängerin - "sie hat mich an Janis Joplin erinnert" -, mal ein Violinkonzert oder eine Krimilesung besucht, bezeichnet sie als "Traum": "Ich habe gedacht, dass ich an dieser Welt nicht mehr teilhaben kann", sagt die 63-Jährige.

Zu verdanken hat sie dies der bundesweit ersten "Kulturloge", die in Marburg nicht verkaufte Theater-, Konzert- und Kinokarten an bedürftige Menschen vergibt. Seit einem Jahr existiert die Initiative, die seitdem 1.250 Karten vermittelt hat. 600 "Kulturgäste", unter ihnen 180 Kinder und Jugendliche, profitieren davon. Inzwischen wird das Konzept vielerorts nachgeahmt: In Berlin, Hamburg und Essen wurden Kulturlogen geschaffen. In Lübeck, Bremen, Kaiserslautern, Wetzlar, Gießen und Bad Hersfeld sind sie geplant.

Hilde Rektorschek hat das Konzept für die Kulturloge entwickelt. Die frühere Uni-Mitarbeiterin arbeitet seit zehn Jahren für die Marburger Tafel und ist mittlerweile stellvertretende Landesvorsitzende der hessischen Tafeln. Viele Marburger hat sie als Kunden der Tafel aufgenommen und dabei nicht nur nach der Geschichte ihrer wirtschaftlichen Not gefragt: "Ich habe festgestellt, dass die Leute gern lesen und Interesse an der Kultur haben", sagt Rektorschek.

Nicht mal der Kassierer kennt den Hintergrund

Daran teilhaben könnten sie allerdings unter normalen Umständen nicht. Und die Hemmschwellen, Freikarten anzunehmen, seien höher als man denke, weiß sie: "Das muss mit Würde und behutsam passieren, damit niemand beschämt wird. Die Menschen sind verletzlich."

Deshalb sind es auch "Kulturgäste", die nun leere Reihen in Konzert- und Kinosälen füllen. Hartz-IV-Empfänger, Arbeitslose und kinderreiche Familien melden sich über Flyer bei sozialen Einrichtungen in Marburg an. Dann können sie ankreuzen, ob sie am liebsten Kino, Theater, Kabarett, Lesungen, Volksmusik, Klassik, Rock oder HipHop mögen. Wenn die e Kulturloge Plätze zu vergeben hat, werden die Interessenten angerufen. Die Karten werden dann auf ihrem Namen an der Kasse hinterlegt: "Noch nicht einmal der Kassierer weiß, dass sie von der Kulturloge kommen", sagt Rektorschek.

Um genügend Karten zu bekommen, hat die rührige Initiatorin alle Kultureinrichtungen Marburgs abgeklappert. Großzügig war das Marburger Kino, von dem meist die Familien profitieren: "Da können die Familien endlich wieder etwas gemeinsam unternehmen", sagt Rektorschek: "Und die Kinder können mitreden, wenn ihre Klassenkameraden über Karate Kid sprechen."

Schauspieler treten nicht vor leeren Rängen auf

Auch das Marburger Theater, Kulturzentren und Konzertveranstalter - insgesamt 35 Einrichtungen - beteiligen sich an der Initiative. Schließlich sind durchaus nicht immer alle Vorstellungen ausverkauft. Vor allem, wenn der Vorverkauf schleppend anläuft, gibt es Karten für die Kulturloge. Denn auch Musiker und Schauspieler spielen nicht gern vor leeren Rängen. Rektorschek hat viele Freunde für das Projekt gewonnen, das von ehrenamtlichen Mitarbeitern und Studierenden getragen wird.

Zusätzliche Gelder sammelt die Initiative über Sponsoren, Benefizkonzerte und Mitgliedsbeiträge. Dadurch können die "Kulturgäste" dann auch einmal ohne vollgepackten Rucksack mit ihren Kindern zum Marburger Mittelaltermarkt gehen: Mit Verzehrbons können auch sie sich mittelalterliche Säfte oder Suppen aus der Ritterzeit leisten.

Monika Kuhn hat durch die Kulturloge eine Freundin gefunden, die mit ihr gemeinsam "die andere Welt genießt". Die 63-Jährige sammelt ihre Eintrittskarten in einer goldenen Pappschachtel. "Vorher kam ich mir immer so am Rande vor, wenn ich Veranstaltungen von außen gesehen habe", erzählt sie: "Jetzt komme ich rein. Das macht auch ein bisschen stolz."

www.kulturloge-marburg.de

Von Gesa Coordes

dapd

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