Valentins Flucht aus Liebe

Vater von Alexandra Maria Lara erzählt in seinem Buch vom Leben in Rumänien und dem Neuanfang in Berlin

Er könne ja gar nicht schreiben, sagt der 73-Jährige, adrett gekleidete Mann mit dem noch recht dichten, grauen Haar und dem wachen Blick. Schließlich sei er Schauspieler, kein Autor. Weil Valentin Platareanu aber gern von seinem Leben berichten wollte, hat er einfach erzählt und die Geschichte aufschreiben lassen.

In seinem Buch «Und bitte! Die Rolle unseres Lebens», das am Freitag (16. Juli) erscheint, ist viel von Freiheit die Rede und von Liebe - vor allem die zu seiner Tochter, der Schauspielerin Alexandra Maria Lara.

Auch wenn der gebürtige Rumäne Platareanu selbst erfolgreicher Film- und Theater-Schauspieler ist und in seiner Heimatstadt Bukarest sogar Vizedirektor des «National Theater Bukarest» war, sucht man zuallererst nach Ähnlichkeiten zu seiner Tochter. «Ich stehe im Schatten von Alexandra», sagt er und scheint das durchaus als angenehm zu empfinden.

Seine Tochter habe die Pläne für das Buch unterstützt. Die Idee sei aber von ihm selbst gekommen. «Seit vier, fünf Jahren tauchen viele Bilder aus meinem Leben wieder in meinem Bewusstsein auf - so stark, dass ich zum Beispiel bestimmte Düfte von damals wieder erinnere», sagt er. Also hat er angefangen zu erzählen, und die Schweizer Autorin Fabienne Pakleppa hat die Geschichte aufgeschrieben.

Diese Geschichte beginnt mit Platareanus Kindheit in Bukarest. Schon als Sechsjähriger habe er ein gewisses Interesse am Schauspiel bei sich entdeckt, sagt Platareanu. Er habe sich von jeher gut in andere Menschen hineinversetzen können und des Öfteren Leute parodiert. Dennoch sei sein Vater, ein erfolgreicher Chirurg, von seinem späteren Plan, Schauspieler zu werden, nicht begeistert gewesen. «Aber ich habe so an diesen Weg geglaubt, dass mich nichts davon hätte abbringen können», sagt Platareanu.

Also ging er auf die Schauspielschule, wo er wegen seiner bürgerlichen Herkunft - gegen das Bürgertum herrschte während der Diktatur Nicolae Ceausescus große Abneigung - vor allem von seiner Lehrerin angefeindet wurde. Aber anstatt zum Angriff überzugehen, blieb Platareanu diplomatisch und wartete auf seine Chance. «Ich bin niemand, der aggressiv ist oder eine Revolution anzettelt», sagt er über sich. Er habe lieber versucht, sich dem Regime «mit Intelligenz und wenn möglich mit Humor entgegenzustellen».

Als Platareanu und seine Frau, mit der er seit 40 Jahren verheiratet ist, Anfang der 80er Jahre den Beschluss fassten, aus Rumänien wegzugehen, war Platareanu als Vizedirektor des «National Theater Bukarest» und zahlreichen Film- und Theaterengagements fast auf der obersten Stufe der Karriereleiter angekommen. Dennoch hielt er es in der Diktatur nicht mehr aus: «Der Druck war spürbar. Die Überwachung durch die Securitate. Ich habe keine Zukunft gesehen in dem Land.» Vor allem nicht für seine damals vier Jahre alte Tochter.

Mit 46 Jahren in Berlin noch einmal von vorne anzufangen, sei ein großer Schritt gewesen. Geschafft habe er es vor allem wegen seiner Liebe zu seiner Familie und zum Theater. Für 50 D-Mark pro Monat habe er zu Beginn an einem kleinen französischen Theater gespielt, daneben habe er Garten- und andere kleinere Arbeiten erledigt. Nach und nach habe er Kontakte geknüpft, unter anderem zu Henner Oft, mit dem er später - 1992 - die staatlich anerkannte Schauspielschule Berlin-Charlottenburg gründete. Im ersten Jahr nahmen Platareanu und Oft alle Studenten, die sich bewarben. Heute gibt es viel mehr Bewerber als Studienplätze.

Auch als Schauspiellehrer agiert er gemäß seinem Gemüt: Kritik ja, aber sie soll nicht destruktiv sein. «Wie sagte einmal Charlie Chaplin: Man kann einen Schauspieler kaputtmachen mit einem einzigen Wort. Deswegen versuche ich meine Studenten aufzubauen und ihnen Vertrauen entgegenzubringen», erklärt er.

Platareanu sieht in Deutschland viele Schauspieltalente, gute Drehbücher, gute Regisseure. «Aber auch vom rumänischen Film hat man schon und wird man noch viel hören: Die Rumänen haben gute Schauspieler, exzellente Kameraleute und Regisseure.» Außerdem würden dort «außergewöhnliche Drehbücher» verfasst, die die Realität in Rumänien beschrieben.

Diese Realität sehe so aus, dass aktuell eine interessierte und flexible Generation heranwachse. Eigenschaften, die Platareanu als unabdingbar bezeichnet, will man seine Ziele erreichen. «Das ist auch gewissermaßen die Lehre aus meinem Buch, wenn es denn eine haben sollte: Dass man flexibel sein muss und vorbereitet. Dann wird eine Gelegenheit kommen - und diese Gelegenheit muss man ergreifen.»

Von ddp-Korrespondentin Jennifer Fraczek
ddp/jfr/wsd

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