Vergangenheitsbewältigung im Traum

Schauspieler und Ex-Terrorist Christof Wackernagel veröffentlicht Traumtrilogie "es"

Er habe bei der Rote Armee Fraktion (RAF) nicht einmal die Praktikantenzeit überdauert, sagt Christof Wackernagel gern, wenn die Rede auf seine Zeit als Terrorist kommt. Gerade zwei Monate gehörte der Schauspieler und Schriftsteller der RAF an, bevor er 1977 nach einer Schießerei in Amsterdam verhaftet wurde.

Die kurze Zeit im Untergrund prägt sein Leben jedoch bis heute. Auch sein neues Buch, die 603 Seiten starke Traumtrilogie "es", gäbe es nicht, ohne seine Erfahrungen bei der RAF und die sich anschließenden zehn Jahre im Gefängnis.

Die Idee zu dem Buch sei entstanden, weil er entgegen dem Wunsch seines Verlegers kein Buch über seine RAF-Vergangenheit schreiben wollte. "Es ist eine Zumutung, ein Buch über die RAF zu schreiben. Es gibt 250 davon und sie stimmen alle nicht", sagte Wackernagel am Mittwoch bei einer Lesung auf der Frankfurter Buchmesse. Wer von Geschichte schreibe, verschiebe und verdränge, selbst wenn er es nicht wolle. "Träume hingegen bringen Verdrängtes an die Oberfläche" fügte er hinzu.

15 Jahre lang protokollierte Wackernagel, der aus einer Schweizer Schauspielerfamilie stammt und inzwischen die meiste Zeit im afrikanischen Mali lebt, seine Träume. Begonnen hat er damit 1978 im Gefängnis nach einem besonders "intensiven Traum", der ihm, dem Schauspieler, erschienen sei "wie ein Drehbuch".

Klaus Croissant als Opernregisseur

Die Traumtrilogie stellt in drei parallel zu lesenden Spalten Wackernagels Träume, darauf basierende Assoziationen - die der Autor "Halluzinationen" nennt - und auf diesen beiden basierende Tagträume gegenüber. Während sich Leser durch die ersten Spalten blättern und hier und da schmökern können, habe die dritte Spalte eine fortlaufende Handlung und lese sich wie ein Roman, sagte Wackernagel

In dieser Handlung schlagen sich wiederum die Erfahrungen aus Wackernagels Zeit als Politaktivist und in der RAF nieder. Eine Gruppe, ursprünglich eine Theatergruppe, kämpft gegen das Auto als Symbol der Zerstörung der Welt und für sauberes Trinkwasser für alle Menschen.

Scheitern und Streit sind wie im realen Leben programmiert und Figuren aus der Vergangenheit tauchen verfremdet auf. Beispielsweise tritt der frühere RAF-Anwalt Klaus Croissant als Opernregisseur in Erscheinung. "Menschen erscheinen in Träumen oft verändert und das habe ich in die Tagträume übernommen", erzählte Wackernagel. Mehr als 1.700 Personen lässt er in der Traumtrilogie auftreten.

Insgesamt 25 Jahre arbeitete Wackernagel an der Traumtrilogie. Zu der 15 Jahre währenden Protokollierung der Träume sei noch die Zeit gekommen, in der er ein Konzept entwickelt habe, erzählte er. 2003 schließlich sei er nach Afrika gegangen und habe sechs Jahre lang die zweite und dritte Spalte geschrieben.

Die Sisyphos-Arbeit schlägt sich auch in den äußeren Dimensionen des Werks nieder. Über vier Kilogramm wiegt das Buch, das die Maße eines mittelgroßen Bildbandes aufweist. Beachtlich ist auch der Preis: 248 Euro muss der Leser für das Wackernagelsche Traumuniversum hinblättern.

Von Tatjana Schäfer

dapd

Kommentar hinzufügen

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

Neuerscheinungen

Cover Scène 20

Scène 20
Neue französische Theaterstücke

Print € 22,00

Alle

Bestseller

Alle

Sonderangebote

Alle

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm