Dramen mit Figuren aus Pappe

Peter Schauerte unterhält in Solingen Deutschlands einziges professionell betriebenes Papiertheater

Solingen - Es ist ein ungewöhnliches Theater, das sich in den Räumen von Schloss Burg hoch über der Wupper bei Solingen befindet. Die großen Dramen werden dort mit Papier und Pappe inszeniert.

Peter Schauerte ist «Intendant» des einzigen regelmäßig spielenden professionellen Papiertheaters Deutschlands. Er hält eine Kunstform am Leben, die im Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts zum guten Ton gehörte. Thomas Mann hat ihr in den «Buddenbrooks» ein kleines Denkmal gesetzt, zuletzt im Kino in der Romanverfilmung von Heinrich Breloer zu sehen.

Mit einem Papiertheater konnte zu Hause nachempfunden werden, was zuvor im «richtigen» Theater erlebt - oder auch verpasst wurde. Es gab Ausschneidebögen in Millionenauflage für die Bühnen, es gab Bögen mit Figuren und Bühnenbildern für einzelne Stücke. Auf stabile Pappstreifen geklebt, wurden die «Darsteller» von den Seiten aus auf die Bühne geschoben.

Prinzipal eines Papiertheaters zu werden war nicht der Kindertraum des gebürtigen Moersers Peter Schauerte. Eher Politiker oder Schauspieler, «denn reden konnte ich schon immer», verrät der 57-Jährige. Allerdings habe er schon als Kind Figuren ausgeschnitten, um damit zu spielen, außerdem sei seine Familie sehr musikalisch gewesen.

Doch zunächst zog es ihn als Buchhändler nach Lübeck. Freunde brachten ihm für sein Sortiment vor 30 Jahren einen Papiertheater-Bogen aus England mit. Schauerte packte die Begeisterung, lernte Sammler kennen und probierte es selber. Als ein Freund aus Kindertagen Schlossdirektor in Burg wurde, wagte er 2001 den Schritt und eröffnete dort seine Spielstätte.

Zum Lebensunterhalt trägt ein kleiner Laden bei. Dort findet sich alles über und fürs Papiertheater: Bücher, Postkarten, Guckkästchen, Daumenkinos, Ausschneidebögen - auch Produktionen aus einem eigenen Verlag. «Vom Theater allein leben ist schwer», sagt Schauerte.

Zum Glück gibt es im Hintergrund seine Frau, die ebenfalls auf Schloss Burg ein Kunsthandwerkgeschäft für Wolle führt. Um Gagen zu sparen, spielt er nur in Ausnahmefällen mit einer Partnerin, meist, wenn es um Gesang geht. Der kann aber auch wie die Klaviermusik vom Band kommen. Doch es ist Ehrensache, in der «Zauberflöte» die Königin der Nacht höchstpersönlich selber zu singen, in der Tonlage «Koloratur-Ururalt» - immerhin nimmt er bis heute regelmäßigen Gesangsunterricht und kann Falsett singen.

Neben dem Laden liegt das Theater, eine Mischung aus Werkstatt und Museum, mit seinen 35 rot gepolsterten alten Kinositzen. An der Stirnseite ist die papierne Guckkastenbühne nach historischem Vorbild, über einen Meter breit, fast zwei Meter tief, drei Meter hoch, mit genug Platz für den Schnürboden mit den wechselnden Bühnenprospekten.

An den Wochenenden spielt Schauerte bis zu viermal, sonst nach Anfrage, auch Gastspiele gibt er, sogar in New York. Rund 20 Stücke hat er im Kopf, Märchen für Kinder, für Erwachsene Opern wie «Zar und Zimmermann» und Schauspiele wie «Die lustigen Weiber von Windsor». Sein Lieblingstück ist das «Käthchen von Heilbronn», aber «Kleist mögen die Leute nicht so», bedauert er.

Gerade erst hatte «Menschenfeind und Alpenkönig» von Ferdinand Raimund Premiere. Hier zieht Schauerte alle Register, lässt Nebelschwaden über die Bühne ziehen, lässt es blitzen und donnern und die Bühne in einer Flut versinken. Und die 20 Zentimeter hohen Figuren sind dabei beweglicher, als man denkt.


Von Jürgen Schön - ddp/jgs/nad

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