Kunst in der Schwimmhalle

In Berlin werden marode Stadtbäder zu neuen Kulissen für Theater, Musik und Mode

Berlin - Als die fast 100 Gäste zur Premiere der italienischen Madrigalkomödie «Barca di Venetia per Padova» von Adriano Banchieri (1558-1634) am Rande und im Innern des Schwimmbeckens ihre Plätze einnehmen, haben sie den chlorigen Geruch ihrer Umgebung längst bemerkt.

Die Kulisse für das siebenköpfige Instrumentalensemble, den Kammerchor «Orchi e balene» und die wenigen Requisiten aus Koffern, Decken und Bänken ist an diesem Abend keine Theaterbühne, sondern das gefließte Innere des einstigen Stadtbades in Berlin-Steglitz.

Die Architektur der Schwimmhalle stellte für Regisseur Chris Dehler eine Herausforderung dar. «Die Akustik ist ähnlich wie in einer Kirche. Die Sänger müssen durch die stark reflektierenden Wände der Halle sehr genau auf ihren Einsatz achten», sagt Dehler im ddp-Gespräch. Doch gerade die spezielle Akustik habe die Auswahl des Stadtbades als Premierenstandort begünstigt, sagt der Musikalische Leiter, Markus Wettstein. Zumal das Stück, das die Geschichte einer Bootsfahrt von Venedig nach Padua erzähle, thematisch sehr gut in die Schwimmhalle passe.

Für Gabriele Berger, die das Stadtbad 2004 dem Berliner Liegenschaftsfonds abkaufte, stellte die Vermietung der Räumlichkeiten an Theatergruppen zunächst eine willkommene Zwischenlösung dar. Denn die Sanierung des historischen Gebäudes erfordert eine Summe von 6,5 Millionen Euro. Aus der Zwischenlösung habe sich zügig ein professionelles Bespielungskonzept mit festen Partnern entwickelt, erklärt sie. Seit 2005 finden nun fast täglich in der ehemaligen Schwimmhalle sowie in der angeschlossenen alten Näherei und Wäscherei Theateraufführungen, Konzerte, Tanz- und Modeveranstaltungen statt.

Für ihr Konzept und ihre Arbeit als Intendantin hat Gabriele Berger, die außerdem das Bewegungsbad in Berlin-Marienfelde betreibt, bisher großen Zuspruch erhalten. Auf Kritik stoße sie lediglich bei alteingessenen Steglitzern. «Sie vermissen ihr altes Stadtbad und haben für den neuen Kulturstandort wenig Verständnis», sagt Berger. Von dem Plan, das Bad als Bewegungszentrum wiederzuöffnen, ist sie noch nicht abgekommen. Dazu solle allerdings neu gebaut werden. Den Spielbetrieb in der alten Schwimmhalle möchte sie fortführen.

Das Stadtbad Steglitz ist eines von zehn Berliner Badestätten, von denen sich die Berliner Bäder Betriebe (BBB) 2002 trennten. Grund sei der hohe Sanierungsbedarf gewesen, dessen Kosten in keinem Verhältnis zur geringen Auslastung gestanden hätten, sagt BBB-Sprecher Matthias Oloew auf ddp-Anfrage. Die Nutzung der Bäder als moderne Kulturstandorte sehe das Unternehmen positiv. «Aus unserer Sicht ist diese Umfunktionierung wunderbar. Die Orte geraten nicht in Vergessenheit, die Immobilien werden unterhalten und verfallen nicht weiter», sagt Oloew. Pläne, sich zukünftig von weiteren Bädern zu trennen, bestünden jedoch nicht.

Ein halbes Jahr nach der vergeblichen Suche nach neuen Nutzern durch die Bezirke wurden die Bäder 2002 dem Berliner Liegenschaftsfonds übergeben. Die Vorstellungen der Bezirke würden bei dem Verkauf der Objekte jedoch berücksichtigt. «Die Bezirke verzichten nicht gern auf den Badebetrieb in den ehemaligen Schwimmhallen, verfügen aber gleichzeitig über keine Finanzierungsmöglichkeiten. Daher empfinden sie die Nutzung der Bäder als Kultur- und Gewerbestandorte als sinnvolle Lösung», sagt die Sprecherin des Liegenschaftsfonds, Irina Dähne.

Neben dem Stadtbad Steglitz wird nach Angaben des Liegenschaftsfonds derzeit auch das Stadtbad Oderberger Straße für Veranstaltungen genutzt. Auch der neue Besitzer des Stadtbades Wedding möchte es in einen Standort für Kunstschaffende umwandeln. Andere Schwimmhallen in Zehlendorf, Lichtenberg, Moabit und Pankow möchten sich dagegen wieder als Wellness- oder Badeorte etablieren.

Mareen Kirste - ddp/prv/han

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