Staatsoper verkauft Teile ihres Kostümfundus

Räumung im Haus Unter den Linden gehört zu den Vorbereitungen für Umzug und Umbau

Solch eine Gelegenheit gibt es selten: Einmal unter Kronleuchtern und auf marmornen Fußböden zwischen Tausenden Ballkleidern, Hüten, edlen Schuhen und Handtaschen shoppen gehen - und das auch noch günstig. Die Staatsoper Unter den Linden macht es am Samstag möglich. Weil das Haus wegen Sanierungsarbeiten für drei Jahre auszieht, lösen die Theatermacher ihren Kostümfundus auf.

«Die Sachen werden im Apollosaal aufgestellt», sagt Opern-Sprecher Johannes Ehmann. Vier Mal habe sein Haus seit der Wiedervereinigung einen solchen «Ausverkauf» veranstaltet, zuletzt 2007. «Aber was in diesem Jahr aufgefahren wird, übertrifft alles.»

Auf mehreren Etagen haben Hutmacher, Schneider und Requisiteure aussortiert, was nicht mehr gebraucht wird. «Dazu zählen unter anderem Kostüme aus DDR-Zeiten, die in Inszenierungen von Ruth Berghaus (1927-1996) oder Harry Kupfer zum Einsatz kamen», sagt Kostümbildnerin Jana Bechert.

Sie und ihre Kolleginnen haben in mühevoller Kleinarbeit Kleider, Hosen, Hüte und Handschuhe einander zugeordnet. In zahlreichen Schachteln finden sich Masken, große Federn, dicke Pelzkragen, Schuhe, Stiefel, Sandaletten. Ganz ausgeräumt wird allerdings nicht: Figurinen oder Kostüme, die noch gebraucht werden oder als Materiallieferant für neue Inszenierungen dienen, landen im Lager für künftige Entwürfe.

Die Opern-Mitarbeiter dürfen vor dem Publikumsverkauf eine erste interne «Shopping-Runde» drehen. Ebenfalls seine Wahl getroffen hat bereits ein Berliner Theatermacher. Er kaufte Kostüme und Accessoires für 5600 Euro ein.

Wenig im Angebot seien Rüstungen, sagt Bechert. «Da halten wir die Hände drüber, denn sie sind ein Schatz. Schließlich gibt es heute kaum noch Rüstmeister.» Zu kaufen gibt es dafür Spezialanfertigungen wie künstliche Bäuche oder futuristische Helme und Stiefel aus der «Turandot»-Inszenierung von Doris Dörrie. Sie sind allerdings eher etwas für Fachpublikum, Kostümverleihe oder Exzentriker.

Garantiert gefragt seien dagegen historische Kostüme, sagt Bechert. «Dafür reisen Fans aus ganz Deutschland an, die die Entwürfe in Mittelaltervereinen einsetzen.» Für diese oft mit Metall besetzten Bekleidungen braucht es neben der Liebhaberei Kraft. An einem Wams, das einst Weiberheld Falstaff auf den Opernbrettern schmückte, demonstriert Bechert, wie schwer Chorsänger und Solisten früher zu tragen hatten. «Heute werden viel leichtere Materialien genommen.» Zu haben ist das Wams für 15 Euro.

«Allgemein reichen die Preise von 1 bis 400 Euro», sagt Pressesprecher Ehmann. Kalkuliert werden sie nach Zustand, Wert und Alter. Massenhaft vorhandene Unterröcke sind pro Stück bereits für zwei Euro zu haben. Eine normale Weste wechselt für rund zehn Euro den Besitzer. Schleier sind für zwei Euro das Stück zu haben, eine Handtasche für fünf Euro. Ein echt aussehender Pelzkragen kann für drei Euro erstanden werden.

Etwas Mut benötigt der Träger für das ehemalige Kostüm einer Thomas-Gottschalk-Bühnen-Figur. Die pinkfarbene Hose mit gelbem Jacket kosten nur 15 beziehungsweise 40 Euro, sind aber garantiert von Maler Jörg Immendorff (1945-2007) gestaltet. Bechert selbst hat ein Auge auf ein rotes Kleid geworfen - aus «Orpheus» und für 350 Euro. Noch üppiger ist ein weißes Kostüm aus «Griselda», das Ehmanns Kollegin Johanna Kellner ausprobiert. Mit Kopfschmuck ist es für 300 Euro zu haben.

Von ddp-Korrespondent Torsten Hilscher
ddp/til/nad

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