Theatermaler schaffen die letzten Kulissen für die Passionsspiele

Zum ersten Fototermin Mitte März muss alles fertig sein

Hunderte Quadratmeter Leinwand haben die Theatermaler der Oberammergauer Passionsspiele in den vergangenen acht Monaten bemalt: die Felsen von Ägypten, der brennende Dornbusch und das geteilte Rote Meer. Auf einem ehemaligen Heuboden im oberbayerischen Unterschweinbach entstehen derzeit die letzten Kulissen für die Bibelgeschichte, die alle zehn Jahre in Oberammergau nachgespielt wird.

Mit einem meterlangen Pinsel malt Karl Witti Schaumkronen auf einen Wellenkamm. Er steht auf einer riesigen, himmelblau grundierten Leinwand, die am Boden der Scheune festgenagelt ist. Von seinen Schuhspitzen blättern die Farbschichten ab, die sich in den vergangenen Monaten dort angesammelt haben. Seit Juli vergangenen Jahres setzt der 62-jährige Leiter der Bühnenmalerei zusammen mit vier weiteren Theatermalern die Entwürfe von Bühnenbildner Stefan Hageneier um.

«Wir malen nicht nur ab, sondern liefern auch eine bestimmte Interpretation der Vorlagen», sagt Witti. Er versuche, den Holzschnittcharakter der Modelle zu eliminieren und die Motive lebendig auf die Leinwand zu bringen. Alle fünf Bühnenmaler sind freischaffende Künstler und haben Erfahrung mit Theatermalerei. «Man kann nicht so einfach von einem kleinen Format auf ein großes umsteigen», sagt Witti. «Das hier ist sehr reduzierte Malerei. Man muss immer das große Ganze im Blick haben und darf nicht ewig an einem Quadratmeter herumfummeln.» Bei ihrer Arbeit müssen die Maler die Entfernung bedenken, über die hinweg die Kulissen wirken müssen.

Immer wieder steigt Alexander Ewgraf, der an den Lichtreflexen eines roten Felsens arbeitet, auf eine Leiter. In sechs Metern Höhe tragen die Deckenbalken eine zusammengezimmerte Holzbrücke, die sich über die gesamte Länge der Scheune zieht. Von dort oben hat Ewgraf die Draufsicht auf sein Werk. 80 Meter wären die ideale Entfernung, um die Kontraste richtig einschätzen zu können. Die Maler behelfen sich mit einem umgedrehten Fernglas, das den Abstand simuliert. «Es bleibt aber ein Wagnis», sagt Witti. «Letztendlich sieht man es erst, wenn die Kulissen auf der Bühne stehen.»

Die Bühnenästhetik wird bei den Passionsspielen in diesem Jahr zweigeteilt sein. Die Schlichtheit der Spielszenen, die die Lebens- und Leidensgeschichte Jesu erzählen, steht in scharfem Kontrast zur Farbigkeit der Episoden aus dem Alten Testament, die das Passionsgeschehen unterbrechen. Für diese Szenen ließ sich Bühnenbildner Stefan Hageneier von der farbenfrohen Ikonenmalerei inspirieren. Für die eigentliche Passionsgeschichte hat sich Hageneier hingegen für einen monochromen blau-grauen Hintergrund entschieden. «Es gibt eine klare farbliche Absetzung der unterschiedlichen Spielebenen», sagt Witti.

Mitte März ist der Fototermin mit den Kulissen angesetzt - bis dahin muss alles fertig sein. Die Maler fühlen sich vor allem durch die Begeisterung der Oberammergauer für ihr Spiel befeuert. Aber es sei durchaus auch ein harter Job. Alexander Ewgraf sieht die ägyptischen Felsen schon im Schlaf vor sich: «Wenn man das hier fertig hat, braucht man ein paar Wochen, bis man wieder von neuem kreativ arbeiten kann.»

Von ddp-Korrespondentin Ulrike Köppen

Sechs Daten zu den Passionsspielen 2010 in Oberammergau:

-- Das traditionelle «Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen
unseres Herrn Jesus Christus» geht auf ein Pestgelübde aus dem Jahr
1633 zurück. Die Passionsspiele werden alle zehn Jahre aufgeführt.

-- Premiere des 41. Passionsspiels ist am 15. Mai. Bis zum Ende der
Aufführungen am 3. Oktober erwarten die Veranstalter eine halbe
Million Zuschauer aus aller Welt. 

-- Seit Februar 2009 lassen sich alle Oberammergauer ihre Haare
wachsen, die Männer auch die Bärte. Die Proben haben Ende November
begonnen.

-- Neben den Hauptfiguren wie Jesus, Petrus, Judas, Pontius Pilatus
und Maria gibt es 120 größere und kleinere Sprechrollen. Insgesamt
wirken mehr als 2000 Oberammergauer am Passionsspiel mit, darunter
mehr als 450 Kinder.

-- Alle Darsteller müssen entweder in Oberammergau geboren sein oder
in der kleinen Gemeinde seit 20 Jahren leben.

-- Spielleiter ist zum dritten Mal der Intendant des Münchner
Volkstheaters, Christian Stückl, der in Oberammergau geboren wurde.

(Quelle: Passionsspiele)

ddp/ukö/wsd

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