documenta 8

(Küssende Fernseher)

von

oh, oh Maiandacht ..., 1987, proT-Halle: Raum für oh, oh Maiandacht ... am 27. Mai 1987: Blaue Sonne, Hängezaun und Steinskulpturen von Nikolaus Gerhart (Gast). Foto: proT
oh, oh Maiandacht ..., 1987, proT-Halle: Raum für oh, oh Maiandacht ... am 27. Mai 1987: Blaue Sonne, Hängezaun und Steinskulpturen von Nikolaus Gerhart (Gast). Foto: proT

Ende Oktober 1981 war das proT erstmals in einer großen Ausstellung zu sehen. Für ein Theater mag das ungewöhnlich erscheinen, nicht so aber für das proT, denn Sagerer fühlte sich bildenden Künstlern oft enger verbunden als Theatermachern. Schon sein früher Komplize von Hündeberg war Maler. Nikolai Nothof und Karl Aichinger, beide als Schauspieler im Ensemble, fingen in den 1970er Jahren an zu malen und stellten ihre Bilder im Kellertheater aus. Bei Aktionsabenden des proT lösten sich die Grenzen der Genres ohnehin auf. Dafür, dass sich die Kontakte zur Kunstszene vertieften, sorgte nun Brigitte Niklas. In der Künstlerwerkstatt Lothringer Straße 13 zeigten zwölf Münchner Künstler Videoinstallationen, darunter auch Barbara Hamann und Wolfgang Flatz. Die Installation des proT erwies sich als aufwändig, denn sie konnten nicht anders, als mit dem ganzen Theater anzurücken. Ihr Kunst-Video hing an der Produktion Münchner Volkstheater oder umgekehrt: Das Theater hing am Kunst-Video, umso mehr, als es davon seine Einsätze bezog. Wie oben erwähnt, führte bei diesem Stück das Video Regie.

Im Gespräch mit dem Magazin Videokontakt antwortete Sagerer auf die Frage nach der Grenze zwischen den Genres: „Alles, was ich mache, fällt unter den Begriff ‚Theater‘. Das Theater ist die einzige unbegrenzte Kunst, vom Material her eigentlich überhaupt nicht definierbar. Alles, was unter dem Namen ‚Theater‘ passiert, wird Theater. Wenn man Film im Theater einsetzt, ist es kein Film mehr, sondern Theater. Wenn man Theater filmt, wird es immer ein Film. Die Erfahrung ‚Theater‘ kann der Film nicht vermitteln, während Film, Fernsehen und Musik Bestandteile der Erfahrung ‚Theater‘ sein können.“ Und befragt nach seinen Plänen mit Video im Theater, sagte er: „Wir wollen in Zukunft mehr Monitore einsetzen, die von jedem Punkt des Raums aus sichtbar sind. Und dann soll kein fertig produziertes Band mehr ablaufen, sondern wir wollen live aufnehmen und wiedergeben. Das Videobild wird jeden Abend differenziert. Was man auf dem Monitor sieht, ist etwas, was jeden Abend neu hergestellt wird. Gleichzeitig. Zum Beispiel werden die Schauspieler, wenn sie abgehen, durch eine Kamera hinter der Bühne ‚dabeibleiben‘.“ Dieses Vorhaben sollte er bereits mit Zahltag der Angst in die Tat umsetzen.

Das Video dazu wurde im Herbst 1982 in der Ausstellung „Videokunst in Deutschland 1963 – 1982“ in der Städtischen Lenbachgalerie gezeigt. Für diese erste umfassende und, ja, repräsentative Schau über Videokunst war es nicht mehr nötig, eigens Theater zu spielen. Das proT-Video schlug sich alleine durch, mit Vogelgezwitscher und grünen Leuchtstreifen, mit drei Frauen, die aus dem Fernseher schauen: „Wir müssen jetzt unbedingt Text bringen, weil ohne Text wäre es nur l’art pour l’art.“ Von Professor Klaus Lazarowicz lässt sich Sagerer erläutern, was in dessen Theatertheorie mit triadischer Kollision gemeint ist, also mit A, B und C. Und ein roter Pinsel schreibt drei nackt aneinander liegenden Frauen die „Rolle auf den Leib“.

Zahltag der Angst – Intensitäten war das erste proT-Video, das von der Lenbachgalerie angekauft wurde, so wie später auch vom Goethe-Institut. Es folgten 1986 Küssende Fernseher, 1989 Ein Kunst in Video (gemalte Filme) sowie 1997 Endgültig und 7 deutsche Himmelsrichtungen.

In der Ausstellung von 1982 war außerdem Videokunst von Rebecca Horn oder Nam June Paik zu sehen, von Ulay und Marina Abramović, von Barbara Hammann oder Jochen Gerz, von Wolf Vostell oder VA Wölfl, von Ulrike Rosenbach oder Joseph Beuys – insgesamt 59 Filme. „Für künstlerische Zwecke halte ich es für ein fragwürdiges Medium zunächst“, so Beuys damals über Video. Diese Äußerung mit dem hintersinnig hintangestellten „zunächst“ wurde durch die Zeit widerlegt. Und so zog die Ausstellung weiter und weiter, etwa in die Nürnberger Kunsthalle oder die Berliner Nationalgalerie. Auf dem Festival Videoart in Locarno stellte das proT im August 1983 Fernsehbilder vor, ein aus vorliegendem Material komponiertes Video über bemalte, implodierende und brennende Fernseher. Im Jahr darauf lief es auch auf der ErstenBonner Kunstwoche, ebenso wie die Videos Musikfilm und Video-Regie-Theater für Der Mann und Die Frau.

Als sie 1984 auf eben dieser Kunstwoche mit Watt’n und Videos gastierten, verstärkten sich ihre Beziehungen zur bildenden Kunst. Das Gastspiel in Bonn war insofern entscheidend, als sie dadurch die Neugier von Kuratoren weckten. Kurz darauf erhielten sie Besuch in München, und dem Anschein nach fielen sie eindrucksvoll auf. So wurden sie 1987 auf die documenta eingeladen.

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