Psychoanalytischer Pop | 2004

H. C. Andersens »Schneekönigin«, Claus Peymann, de Sade, heruntergezogene Mundwinkel, Gerhard Stadelmaier

von und

Der Osten hat sich beleidigt eingebunkert.

Was interessiert einen Zyniker wie Frank Castorf an den Märchen von H. C. Andersen?
Es gab in Kopenhagen das geflügelte Wort über Andersen: »Unser im Ausland sehr beliebter Orang-Utan.« Und natürlich war er wie so ein wildes Kind, eine Kaspar-Hauser-Figur. Der Großvater verrückt, die Tante Bordellbesitzerin, die Mutter Trinkerin, der Vater mit einem Hang zum Wahnsinn. Der Großvater schnitzt Tierfiguren mit Menschenköpfen. Heute würde uns das wahrscheinlich sehr gefallen, weil wir durch die Moderne einen anderen Begriff von Schönheit haben, damals war das Teufelszeug von Verrückten. Als Vierzehnjähriger ist Andersen durchgebrannt nach Kopenhagen, er wollte ans Theater. Natürlich sind die Märchen alle autobiografisch. »Die schönsten Märchen schreibt die Wirklichkeit selbst«, sagt Andersen. Eigentlich ist das tiefenpsychologisch zu lesen. Fast jedes Märchen ist sexuell grundiert.

Samt seiner verleugneten Homosexualität im getarnten Selbstporträt als Schwan im Ententeich oder als kleine Meerjungfrau, die den Geliebten nicht erreichen kann.
Merkwürdig zu lesen sind seine Tagebücher, wenn er Anfang der 1940er Jahre schreibt, wie er in Paris im Bordell sitzt. Er zahlt fünf Francs, die Mädels ziehen sich aus, und er versichert im Tagebuch für die Nachwelt, er hätte nichts getan außer sie zu betrachten. Als er in Berlin ist, schwärmt er von den Berliner Buben in ihren Uniformen und schreibt eine Hymne über einen großen preußischen Kerl. Die verschüttete Homosexualität, die er nicht ausleben kann, sonst wäre der Absturz vorprogrammiert gewesen, wird da sichtbar, und eine pädophile Ader, die er sicher hatte. In seinen Tagebüchern schreibt er, »mein Blut ist in so einer furchtbar sinnlichen Wallung«, und dahinter macht er dann immer ein Kreuz, das ist dann ein Zeichen für Masturbation. Dafür, dass er seine Sexualität anders ausgelebt hätte, gibt es keine Belege oder Dokumente. Diese Märchen zu schreiben, war für Andersen zweifellos ein therapeutischer Akt.

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