Psychoanalytischer Pop | 2004

H. C. Andersens »Schneekönigin«, Claus Peymann, de Sade, heruntergezogene Mundwinkel, Gerhard Stadelmaier

von und

Fast jedes Märchen ist sexuell grundiert.

Kommen Andersens Spiele der Verdrängung und Camouflage der eigenen Homosexualität in Ihrer Inszenierung vor?
Es gibt ein kurzes Märchen vom eitlen Kragen, der von einem Plätteisen gebügelt wird. Volker Spengler ist das Bügeleisen, er sitzt dann auf dem Po von Herbert Fritsch und bügelt ihm den nassen Po. Es tut ein bisschen weh, aber es tut ja auch sehr angenehm weh und Volker sagt: »Ich habe schon so manchen Kragen gebügelt.« Das ist original Andersen. Da kann man ja vieles denken, wenn so ein eitler Kragen ordentlich gebügelt wird. Andersen verbirgt seine Sexualität, gleichzeitig berauscht er sich öffentlich an sich selbst. Er kommt völlig unbekannt aus seinem Provinzkaff nach Kopenhagen in die Oper, wo die ganzen Berühmtheiten, Sänger und Bohemiens versammelt sind, und deklamiert eine halbe Stunde Texte von und nach Shakespeare. Er war gierig danach, zur öffentlichen Figur zu werden, er kommt mir aber auch vor wie jemand, der ein sehr ironisches Leben geführt hat.

Eigentlich ein früher Popstar, ein Michael Jackson des 19. Jahrhunderts?
Ja, absolut, das ist Pop. Je älter er wird, desto mehr rettet er sich in die Regression. Damit macht er sich auch unangreifbar. Andersen war der meistgereiste Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Aus Angst vor Hotelbränden hatte er immer ein zwanzig Meter langes Seil bei sich, um sich abseilen zu können. Er ist ein furchtbarer Hypochonder, er ist Mister Zahnweh, Mister Verdauungsschwierigkeiten, der Penis tut ihm dauernd weh. Ein absoluter Narziss, der sich ständig selbst beobachtet, immer ängstlich. Gleichzeitig fährt er in den 1940er Jahren über Italien und Griechenland nach Konstantinopel. Er durchquert Sümpfe und übersteht Schneestürme. Wenn man die Tagebücher liest, die Kriege, die Revolution 1848, das kommt nicht vor. Heine schreibt über ihn, das ist ein Dichter, den die Fürsten lieben. Kaum hatte er eine Visitenkarte auch nur erspäht, war er schon beim Empfang irgendeines Adligen oder Königs. Er war gierig danach, Könige kennen zu lernen, an Hofempfängen teilzunehmen. Diese Gier nach Prominenz ist eine Pop- Strategie. Gleichzeitig sind die Märchen grausam. Es gibt in ihnen so viele Menschen, die nicht gelebt haben, die keine Chance hatten, die nicht zueinanderkommen. Sie sterben im Schneesturm, in der Kälte, weil sie nicht in der Lage sind, ihre Liebe zu artikulieren. Die Eisprinzessin geht in einem Tod unter, der nicht grell und melodramatisch ist, sondern einfach traurig. Es bekommt eine Form von Melancholie. Menschen verenden als Menschen, als Licht, und zurück bleibt die tote Hülle.

Klingt nicht gerade nach einem idyllischen Weihnachtsmärchen.
Überhaupt nicht. Je mehr ich mich in die Märchen und Tagebücher eingelesen habe, desto moderner kommt mir Andersen vor. Jemand, der ständig über sich schreibt und gleichzeitig Spuren verwischt, falsche Fährten legt, sich stilisiert, sich selbst beobachtet. Das ist pure Pop-Literatur. Andersen war ein Gesamtkunstwerk, er hat gemalt, er war Musiker, er hat ungemein filigran ganz merkwürdig mystische Scherenschnitte angefertigt, die sehr nach Dämonen aussehen, er war Tänzer, er ist im Theater aufgetreten. Als würde er sich mit der Flucht in die Kunst auf eine Neverland-Farm vor der Wirklichkeit retten. Das ist nicht frei von Bedrängnis. Das Spannendste an Andersen sind die Tagebücher, die in Wirklichkeit für die Öffentlichkeit, für die Nachwelt geschrieben sind, reine Selbstzensur. Da interessiert mich dann de Sade, die Selbstzerstörung, der im Gefängnis gemästete Fleischberg, der Masochismus in seinem Leben, die schonungsloseste Offenheit. Damit widersprechen sich de Sade und Andersen diametral. Bei Andersen, der zweifellos auch eine psychopathogene Veranlagung hatte, ist das Biedermeierliche drübergelegt, lauter Masken und Übermalungen. Der Kontrapunkt dazu ist das Eruptive, das Modern-Mondäne de Sades. Vielleicht wäre Andersen manchmal gerne wie de Sade gewesen.

Sie montieren de Sade in Andersens Märchenwelt?
Ja. Das alles ist ein Trip für mich, merkwürdig psychedelisch. Bert Neumann hat einen David-Lynch-Keller gebaut. Hinter den Holzvertäfelungen tauchen plötzlich Andersens Dämonen auf. Plötzlich bin ich woanders, im Traum oder in Rauschzuständen. Man sieht die Eisprinzessin Spassova mit zwei nackten Männern, die sich lieber mit ihren eigenen Schlangen beschäftigen. Das ist natürlich psychoanalytischer Pop, das trieft vor symbolischen Anspielungen und Trip-Erfahrungen. Das hat sicher mehr mit Hölle zu tun als mit Weihnachtsmärchen. Die Dämonen sind im Keller von »Pulp Fiction« gelandet.

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