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Psychoanalytischer Pop | 2004

H. C. Andersens »Schneekönigin«, Claus Peymann, de Sade, heruntergezogene Mundwinkel, Gerhard Stadelmaier

von und

Amüsieren Sie als bekennenden Ostler die Ost-West-Animositäten um die Berufung Christoph Heins ans Deutsche Theater?
Ich finde das Ost-West-Gerede etwas bigott. Die Selbstverständlichkeit, mit der seit Jahren Provinzlösungen nach Berlin kommen und hier Theater übernehmen, die prominent waren, ist ein bisschen unangenehm. Was will jemand, den man in Wien [BE-Intendant Claus Peymann war 1986 –1999 Intendant des Wiener Burgtheaters] oder in Ulm [der DT-Intendant Wilms war 1991–1994 Intendant am Theater Ulm] nicht mehr haben will, ausgerechnet in Berlin? Ich habe ja nichts dagegen, jetzt ist das BE eine erfolgreiche Ku’damm-Komödie am Schiffbauerdamm, dagegen ist ja nichts zu sagen. Kulturpolitisch offensiv ist das nicht in einer Stadt, die tatsächlich brennt, und sie wird noch mehr brennen. Ich finde es gut, wenn diese Routine durchbrochen wird mit einem Intellektuellen aus dem Osten. Mich wundert ja, dass sich Christoph Hein das überhaupt zumutet am Deutschen Theater.

Volker Spengler und Birgit Minichmayr mit dem Kopf von Herbert Fritsch in »Meine Schneekönigin« (2004) Foto: David Baltzer / bildbuehne.de
Volker Spengler und Birgit Minichmayr mit dem Kopf von Herbert Fritsch in »Meine Schneekönigin« (2004) Foto: David Baltzer / bildbuehne.de

Irritiert es Sie, dass diese Ost-West-Gereiztheiten wieder so deutlich werden, fünfzehn Jahre nach der Wiedervereinigung?
Der Osten hat sich beleidigt eingebunkert. Jetzt haben alle schlechte Laune und heruntergezogene Mundwinkel. Demnächst haben wir dann noch eine Kanzlerin, die genauso aussieht wie der gesamte Osten. Für mich waren das bis 1989 gut trainierte amerikanische Streikbrecher. Die ostdeutsche Seele hat jede Solidarität aufgegeben, war aber bereit, für jede Banane sofort hart zu arbeiten. Die Ostdeutschen waren nicht sehr solidarisch, als es zum Beispiel darum gegangen wäre, die Polen zu unterstützen mit Solidarność. Da waren Politbüro und Arbeiterklasse und Kleinbürgertum sofort einer Meinung: Der Pole ist a priori faul. Da bin ich kein Ostler.

Ist der Kulturkampf um die mögliche Berufung eines ostdeutschen Intendanten ans Deutsche Theater nichts als eine Feuilleton-Seifenblase?
Nein, da wird schon was sichtbar. Nach fünfzehn Jahren der Einheit merkt man, dass man keine großen Leidenschaften füreinander hat.

Der federführende Klassizist im Feuilleton der »FAZ« [der damals einflussreiche Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier] möchte eigentlich gerne die Inquisition wieder einführen: Das Theater muss für die wenigen, die überhaupt noch reingehen, reinrassig gerettet werden, das ist für ihn gar keine Frage. Herr Stadelmaier will den Limes neu bauen, gegen den Schmutz des Populären und die ständige Subversion der künstlerischen Intellektuellen. Das ist ein Kulturkampf, nicht zwischen Ost und West, sondern zwischen Neoklassizisten und den wie auch immer missratenen Kindern der Moderne. Er will beim Schreiben Politik machen, das ist vielleicht ein bisschen vermessen, und Detlef Friedrich [Theaterredakteur der »Berliner Zeitung«] will das auch. Ich habe ja nichts dagegen, das ist alles original wie bei Professor Kurt Hager vom ZK der SED. [Im Politbüro der SED war Hager u. a. für Kulturpolitik zuständig.] Es ist nur etwas albern. Was Christoph Hein angeht: Für mich ist er ein Konservativer, das ist in Ordnung, das hat nichts mit Konventionen zu tun. Ein Roman wie »Der fremde Freund« ist für mich modern, wie ein Bild von Edward Hopper. Die Hoffnung ist, dass er diesen Theaterbetrieb mit extremen Infragestellungen radikalisiert und intellektualisiert. Wenn er das nicht schafft, wird es ganz schwer. Die Trägheit des Apparats ist tödlich, die zieht das Theater in die Konventionen der DDR.

Der Osten hat sich beleidigt eingebunkert.

Was interessiert einen Zyniker wie Frank Castorf an den Märchen von H. C. Andersen?
Es gab in Kopenhagen das geflügelte Wort über Andersen: »Unser im Ausland sehr beliebter Orang-Utan.« Und natürlich war er wie so ein wildes Kind, eine Kaspar-Hauser-Figur. Der Großvater verrückt, die Tante Bordellbesitzerin, die Mutter Trinkerin, der Vater mit einem Hang zum Wahnsinn. Der Großvater schnitzt Tierfiguren mit Menschenköpfen. Heute würde uns das wahrscheinlich sehr gefallen, weil wir durch die Moderne einen anderen Begriff von Schönheit haben, damals war das Teufelszeug von Verrückten. Als Vierzehnjähriger ist Andersen durchgebrannt nach Kopenhagen, er wollte ans Theater. Natürlich sind die Märchen alle autobiografisch. »Die schönsten Märchen schreibt die Wirklichkeit selbst«, sagt Andersen. Eigentlich ist das tiefenpsychologisch zu lesen. Fast jedes Märchen ist sexuell grundiert.

Samt seiner verleugneten Homosexualität im getarnten Selbstporträt als Schwan im Ententeich oder als kleine Meerjungfrau, die den Geliebten nicht erreichen kann.
Merkwürdig zu lesen sind seine Tagebücher, wenn er Anfang der 1940er Jahre schreibt, wie er in Paris im Bordell sitzt. Er zahlt fünf Francs, die Mädels ziehen sich aus, und er versichert im Tagebuch für die Nachwelt, er hätte nichts getan außer sie zu betrachten. Als er in Berlin ist, schwärmt er von den Berliner Buben in ihren Uniformen und schreibt eine Hymne über einen großen preußischen Kerl. Die verschüttete Homosexualität, die er nicht ausleben kann, sonst wäre der Absturz vorprogrammiert gewesen, wird da sichtbar, und eine pädophile Ader, die er sicher hatte. In seinen Tagebüchern schreibt er, »mein Blut ist in so einer furchtbar sinnlichen Wallung«, und dahinter macht er dann immer ein Kreuz, das ist dann ein Zeichen für Masturbation. Dafür, dass er seine Sexualität anders ausgelebt hätte, gibt es keine Belege oder Dokumente. Diese Märchen zu schreiben, war für Andersen zweifellos ein therapeutischer Akt.

Fast jedes Märchen ist sexuell grundiert.

Kommen Andersens Spiele der Verdrängung und Camouflage der eigenen Homosexualität in Ihrer Inszenierung vor?
Es gibt ein kurzes Märchen vom eitlen Kragen, der von einem Plätteisen gebügelt wird. Volker Spengler ist das Bügeleisen, er sitzt dann auf dem Po von Herbert Fritsch und bügelt ihm den nassen Po. Es tut ein bisschen weh, aber es tut ja auch sehr angenehm weh und Volker sagt: »Ich habe schon so manchen Kragen gebügelt.« Das ist original Andersen. Da kann man ja vieles denken, wenn so ein eitler Kragen ordentlich gebügelt wird. Andersen verbirgt seine Sexualität, gleichzeitig berauscht er sich öffentlich an sich selbst. Er kommt völlig unbekannt aus seinem Provinzkaff nach Kopenhagen in die Oper, wo die ganzen Berühmtheiten, Sänger und Bohemiens versammelt sind, und deklamiert eine halbe Stunde Texte von und nach Shakespeare. Er war gierig danach, zur öffentlichen Figur zu werden, er kommt mir aber auch vor wie jemand, der ein sehr ironisches Leben geführt hat.

Eigentlich ein früher Popstar, ein Michael Jackson des 19. Jahrhunderts?
Ja, absolut, das ist Pop. Je älter er wird, desto mehr rettet er sich in die Regression. Damit macht er sich auch unangreifbar. Andersen war der meistgereiste Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Aus Angst vor Hotelbränden hatte er immer ein zwanzig Meter langes Seil bei sich, um sich abseilen zu können. Er ist ein furchtbarer Hypochonder, er ist Mister Zahnweh, Mister Verdauungsschwierigkeiten, der Penis tut ihm dauernd weh. Ein absoluter Narziss, der sich ständig selbst beobachtet, immer ängstlich. Gleichzeitig fährt er in den 1940er Jahren über Italien und Griechenland nach Konstantinopel. Er durchquert Sümpfe und übersteht Schneestürme. Wenn man die Tagebücher liest, die Kriege, die Revolution 1848, das kommt nicht vor. Heine schreibt über ihn, das ist ein Dichter, den die Fürsten lieben. Kaum hatte er eine Visitenkarte auch nur erspäht, war er schon beim Empfang irgendeines Adligen oder Königs. Er war gierig danach, Könige kennen zu lernen, an Hofempfängen teilzunehmen. Diese Gier nach Prominenz ist eine Pop- Strategie. Gleichzeitig sind die Märchen grausam. Es gibt in ihnen so viele Menschen, die nicht gelebt haben, die keine Chance hatten, die nicht zueinanderkommen. Sie sterben im Schneesturm, in der Kälte, weil sie nicht in der Lage sind, ihre Liebe zu artikulieren. Die Eisprinzessin geht in einem Tod unter, der nicht grell und melodramatisch ist, sondern einfach traurig. Es bekommt eine Form von Melancholie. Menschen verenden als Menschen, als Licht, und zurück bleibt die tote Hülle.

Klingt nicht gerade nach einem idyllischen Weihnachtsmärchen.
Überhaupt nicht. Je mehr ich mich in die Märchen und Tagebücher eingelesen habe, desto moderner kommt mir Andersen vor. Jemand, der ständig über sich schreibt und gleichzeitig Spuren verwischt, falsche Fährten legt, sich stilisiert, sich selbst beobachtet. Das ist pure Pop-Literatur. Andersen war ein Gesamtkunstwerk, er hat gemalt, er war Musiker, er hat ungemein filigran ganz merkwürdig mystische Scherenschnitte angefertigt, die sehr nach Dämonen aussehen, er war Tänzer, er ist im Theater aufgetreten. Als würde er sich mit der Flucht in die Kunst auf eine Neverland-Farm vor der Wirklichkeit retten. Das ist nicht frei von Bedrängnis. Das Spannendste an Andersen sind die Tagebücher, die in Wirklichkeit für die Öffentlichkeit, für die Nachwelt geschrieben sind, reine Selbstzensur. Da interessiert mich dann de Sade, die Selbstzerstörung, der im Gefängnis gemästete Fleischberg, der Masochismus in seinem Leben, die schonungsloseste Offenheit. Damit widersprechen sich de Sade und Andersen diametral. Bei Andersen, der zweifellos auch eine psychopathogene Veranlagung hatte, ist das Biedermeierliche drübergelegt, lauter Masken und Übermalungen. Der Kontrapunkt dazu ist das Eruptive, das Modern-Mondäne de Sades. Vielleicht wäre Andersen manchmal gerne wie de Sade gewesen.

Sie montieren de Sade in Andersens Märchenwelt?
Ja. Das alles ist ein Trip für mich, merkwürdig psychedelisch. Bert Neumann hat einen David-Lynch-Keller gebaut. Hinter den Holzvertäfelungen tauchen plötzlich Andersens Dämonen auf. Plötzlich bin ich woanders, im Traum oder in Rauschzuständen. Man sieht die Eisprinzessin Spassova mit zwei nackten Männern, die sich lieber mit ihren eigenen Schlangen beschäftigen. Das ist natürlich psychoanalytischer Pop, das trieft vor symbolischen Anspielungen und Trip-Erfahrungen. Das hat sicher mehr mit Hölle zu tun als mit Weihnachtsmärchen. Die Dämonen sind im Keller von »Pulp Fiction« gelandet.

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