Applied Theatre

Rahmen und Positionen

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Er knüpft überdies an das 2015 (ebenfalls in der Reihe Recherchen) erschienene Buch Theater als Intervention. Politiken ästhetischer Praxis an. Die ERC-Forschungsgruppe The Aesthetics of Applied Theatre an der Freien Universität Berlin, die in diesem ersten gemeinsamen Buch über eine eigene Theorie performativer Interventionen nachgedacht und Analysemethoden vorgeschlagen hatte, möchte mit Applied Theatre – Rahmen und Positionen wichtige Thesen und Fragen aus der internationalen Diskussion über ‚angewandtes Theater‘ vorstellen. Die Zusammenstellung resultiert aus Eindrücken von Debatten, die unsere eigenen Forschungen zu Theater in Krisengebieten und Konfliktzonen, Theater in Unternehmen, theaternahen Therapieformen, Gefängnistheater und Theatre in Education inspiriert und begleitet, aber immer wieder auch verunsichert haben. Auf all diesen Gebieten begegnet man großem Engagement, hochfliegenden Erwartungen, aber auch einem enormen Legitimationsdruck und bei vielen Akteuren einem beachtlichen Maß an Selbstkritik, das manchmal an Resignation grenzt. Die unterschiedlichen Erfahrungen lassen sich kaum auf einen Nenner bringen, außer vielleicht auf folgende, nur am Einzelfall zu konkretisierende Ahnung: Es ist nicht leicht, mit Theater zu arbeiten. Mit Theater werden Situationen initiiert, die diejenigen, die sie angestoßen haben, dann auch verantworten müssen – obwohl diese Situationen auf eigenartige Weise ihrem Zugriff und ihrer Kontrolle entzogen scheinen. Begriffe wie Rahmen, Dispositiv oder Wiederholung verweisen auf das, was Theater der tatsächlichen Handlungsmacht Einzelner immer auch entzieht, woraus sich wunderbare, produktive Kontingenzen, aber auch gravierende politische und ethische Probleme ergeben können. Die Virulenz ethischer Fragen für das Applied Theatre ergibt sich insbesondere daraus, dass sich viele einschlägige Projekte an benachteiligte oder sogar gefährdete Gruppen richten, denen eine besondere Schutzbedürftigkeit zugesprochen wird. Sie hat aber auch grundsätzlicher damit zu tun, dass Applied Theatre in seine theatrale Praxis Menschen einbindet, die dafür nicht eigens ausgebildet wurden, also keine spezifischen, erlernten Techniken mitbringen, sondern sich ‚nur mit ihrer eigenen Geschichte‘ dem theatralen Arbeitsprozess stellen. Anders als Schauspielerinnen und Schauspieler, die in ihrer Ausbildung mit den Risiken von Aufführungen vertraut gemacht werden, geraten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Applied-Theatre-Projekten – so die Befürchtung – ohne entsprechende Vorbereitung in (halb-)öffentliche Situationen, in denen sie auf unangenehme Weise exponiert, herausgefordert, wenn nicht gar kompromittiert werden können. Wie zuletzt in Zusammenhang mit Projekten eines The - atre for Refugees droht der Vorwurf, dass besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen für öffentlichkeitswirksame Effekte missbraucht werden.

Ein weiteres Problem betrifft vor allem international strukturierte Applied-Theatre-Projekte: Wenn Praktikerinnen und Praktiker gleichsam ‚von außen‘ in ein Land bzw. eine Region kommen, um dort soziale, politische oder therapeutische Theaterprojekte zu initiieren, liegt der Vorwurf der Einmischung nahe. Mit besonderer Schärfe wurde dieser Vorwurf gegen das sogenannte Theatre for Development gerichtet: Was berechtigt beispielsweise europäische oder amerikanische Theaterpraktikerinnen dazu, in afrikanischen Ländern Projekte anzustoßen, die den Menschen vor Ort eine bestimmte ‚Entwicklung‘ verheißen? Während der Begriff Theatre for Development mittlerweile kaum noch Verwendung findet, hat sich an diesem Grundmuster internationaler Projekte nichts geändert: Mit internationalen, häufig europäischen bzw. ‚westlichen‘ Geldern intervenieren Praktikerinnen und Praktiker in die Konflikte und Probleme von Regionen, denen sie selbst nicht im eigentlichen Sinne angehören. Diese Konstellation kann eine paternalistische und darüber hinaus ethisch fragwürdige Note gewinnen, bis hin zum Eindruck der Reproduktion kolonialer Machtverhältnisse. Ohnehin birgt das Verhältnis zwischen Facilitators (Anleitern) und Teilnehmerinnen von Applied-Theatre-Projekten diverse Komplikationen. Dazu gehört das Problem der ‚hidden agenda‘: Nicht immer legen die Anleiterinnen und Anleiter ihre Intentionen und Zielsetzungen gegenüber den Mitwirkenden vollständig offen. So ist es etwa im Unternehmenstheater nicht durchgängig üblich, die beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Einzelnen über die Absprachen zu informieren, die vorab mit der Unternehmensleitung getroffen wurden. Auch global agierenden Hilfsorganisationen wie etwa USAID begegnet der (vermutlich berechtigte) Argwohn, dass ihre Projekte in geopolitisch wichtigen Regionen, wie dem Nahen Osten oder Zentralasien, nicht nur der Konfliktbewältigung, sondern machtpolitischen Interessen verpflichtet sind. Manchmal besteht der Eindruck, dass nicht einmal die beauftragten Praktikerinnen und Praktiker über die eigentlichen Intentionen ihrer Auftraggeber vollständig im Bilde sind.

Der Umstand, dass Applied-Theatre-Projekte vergleichsweise kostengünstig sind, macht sie zudem anfällig für den Vorwurf des Kompensatorischen. Zum Theaterspielen braucht es im Kern nicht mehr als einen Raum und ein paar Akteurinnen und Akteure. Ein theatrales Gacaca-Ritual ist kostengünstiger und damit grundsätzlich überhaupt machbarer als die vollumfängliche juristische Aufarbeitung eines gewaltsamen Konflikts.3 Der Unterhalt einer Dramatherapiegruppe kostet pro Patient weniger als therapeutische Einzelsitzungen. Einzelne Theaterprojekte mit Jugendlichen können für die mediale Öffentlichkeit eindrucksvoller sein als eine jahrelange, kontinuierliche Jugendarbeit. Ethisch angreifbar werden Projekte, die offenkundig als Kompensation für den Verzicht auf teurere, nachhaltigere oder langfristigere Maßnahmen fungieren sollen. Auch wenn Theaterpraktiker in Konfliktregionen entsendet werden, für die sich noch keine politischen Lösungen abzeichnen, kann Theater in den Ruf eines Ablenkungsmanövers oder Beruhigungsmittels geraten.

Wenn es um ethische Schwierigkeiten von Applied Theatre geht, ist die wissenschaftliche Forschung, die sich darauf bezieht, selbst mitbetroffen. Viele der angesprochenen Probleme lassen sich mit gewissen Modifikationen auch auf die Praxis der Forscherinnen und Forscher übertragen. So hat die theaterwissenschaftliche Forschung, wenn sie sich als kritische Intervention in die Praxis des Applied Theatre begreift, selbst alle Ambivalenzen des Interventionismus zu tragen, die sie an den untersuchten Projekten beobachten mag. Gerade in Krisen- und Konfliktsituationen kann auch die Rolle der Forscherin bzw. des Forschers bisweilen als kompensatorisch, als schwacher Ersatz für ein eigentlich umfassender zu wünschendes Engagement wahrgenommen werden. Und auch in der Praxis jedweder Feldforschung ist die Problematik der ‚hidden agenda‘ vertraut: Nicht immer kann oder will man gegenüber den Praktikerinnen und Praktikern, deren Projekte man beobachtet, restlos offenlegen, mit welchen Hypothesen und kritischen Vorbehalten man an ihrer Arbeit teilnimmt.
Praktiken des Applied Theatre sollen im Folgenden als jene Prozesse beschrieben werden, für die eine ethisch bedachte Form der Einlassung sowie eine Begegnung und Konfrontation unterschiedlicher Rahmen charakteristisch ist: Ästhetische Rahmen, die abhängig von der jeweils gewählten Form ihre ganz eigenen Konventionen und auf Wirkung angelegten Verfahren aufweisen, treffen auf die Rahmungen bestimmter gesellschaftlicher Kontexte. Sie werden in diese eingebettet und durch institutionelle, soziokulturelle oder auch politische Rahmenbedingungen geprägt und beeinflusst.

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