Applied Theatre

Rahmen und Positionen

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Rahmen und Rahmung
Rahmen sind aus der soziologischen Perspektive Erving Goffmans Ordnungsprinzipen und Sinnstrukturen, anhand derer wir die uns täglich begegnenden Erfahrungen und Situationen erfassen, verstehen und interpretieren. Sie legen uns aufgrund impliziter, mehr oder minder fester, kulturell je spezifisch zu erlernender Normen, Konventionen und Regeln, bestimmte Verhaltensweisen nahe und beeinflussen zudem, mit welcher Haltung und welchem Maß an Anteilnahme wir uns im Hier und Jetzt der jeweiligen Situation verhalten.4 Rahmen sind außerdem, und dieses Charakteristikum hat sich vor allem für die theaterwissenschaftliche Zuschauerforschung als fruchtbar erwiesen, kontingent. Sie unterliegen geschichtlichen Veränderungen und zeichnen weiterhin dafür verantwortlich, in welcher Weise die in ihnen situierten Handlungen kognitiv und emotional von den Rezipienten oder – in Theatersituationen – Zuschauerinnen beantwortet werden können, etwa aus vorher vorhandener und wiederholter Konditionierung heraus.5 Im Unterschied zur Bestimmung des Rahmens als strukturellem Genese- und Ordnungsprinzip sozialer Sinngebung bedeutet der Vorgang der Rahmung dessen „sinnaktualisierende Praxis“.6 Rahmungen sind konkrete Umsetzungen von Sinn in bestimmten Interaktionssituationen. Während Rahmen somit prinzipiell stabil und autonom zu denken sind, stellen Rahmungen als konkrete Realisierungen die instabile, veränderbare und anfällige andere Seite der Medaille dar, die beide Termini beschreiben.7

Im vorliegenden Band wird den unterschiedlichen Rahmen und Rahmungen in Prozessen des Applied Theatre besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Wie sind die Kontexte, in die Applied Theatre interveniert, zu beschreiben? Welche Konventionen, Normen und Gesetzmäßigkeiten herrschen in ihnen vor und was bedeuten diese für diejenigen, die in ihnen handeln oder anders handeln wollen? Wie positionieren sich theatrale Interventionen innerhalb der sie rahmenden gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Kontexte? Wie passen sie sich an die Gegebenheiten an? Wie werden sie ein Teil von ihnen? Wie wird in Praktiken des Applied Theatre der (eigene) Status von etwas Fremdem, die Position eines Außenseiters verhandelt? Die Frage nach der Positionierung ist zugleich eine Frage nach Funktionalität. Wenn Applied Theatre in soziale Wirklichkeiten mit der Zielsetzung interveniert, bestimmte Prozesse der Veränderung anzustoßen, dann ist daran stets auch die Hoffnung auf einen hohen Grad kritischer Reflexion geknüpft, die im Blick behält, welche Funktionen den spezifischen Rahmungen dieser Interventionen zuzusprechen sind.

In Studien über das Applied Theatre findet sich beispielsweise oft die Annahme, dass fiktionale Rahmungen quasi ‚raumbildend‘ seien: Es werden temporäre Orte erschaffen, die während ihres Bestehens – und in manchen Fällen auch über dieses hinaus – den in und an ihnen Partizipierenden bestimmte Vorteile und/oder Potenziale versprechen und Möglichkeitsräume bieten. Weit verbreitet ist etwa die Ansicht, dass Applied Theatre durch seine Rahmungen und inhärenten mimetischen Vorgänge Räume je spezifischer Lernerfahrungen konstituiere.8

Eine weitere funktionstheoretische Position attestiert den Rahmungen des Applied Theatre forschungspraktisches Potenzial. In Applied Theatre: Research. Radical Departures plädieren Peter O’Connor und Michael Anderson dafür, Interventionen des Applied Theatre nicht nur wie bislang als Beobachtungsobjekte wissenschaftlicher Auseinandersetzung zu betrachten, sondern sie vielmehr selbst als Forschungswerkzeuge, als „methodology for research“,9 zu begreifen und zu nutzen. Für ein solches ‚Applied Theatre as Research‘, wie sie es nennen, seien gerade die ausgewählten fiktionalen Rahmungen, verstanden als diejenigen dramatischen Konzeptionen, anhand derer die Teilnehmenden durch die Einnahme bestimmter Rollen Abstand von der aktuellen sozialen Gegenwart gewinnen und für die besondere theatrale Konventionen gelten, die zentralen Merkmale.10
An anderer Stelle wird vor allem das ‚behütende‘ Umgebungsmoment der Rahmen des Applied Theatre hervorgehoben. So wird zum Beispiel argumentiert, dass diese Rahmen performative Schutzräume darstellen, da die Teilhabenden in ihnen durch die Einnahme anderer Rollen eine sichernde Distanz zur sozialen Wirklichkeit herstellen können – ein Prozess, der mit einem hohen Zugewinn an Handlungsmacht einhergehen soll.11 Diese etablierte Lesart des Theaterrahmens korrespondiert mit einem metaphorischen Verständnis von Theater als Laboratorium, Theater als Raum des Spiels, in dem aufgrund eines „freedom to experiment“12 verschiedene Handlungsmodelle und -alternativen mehr oder weniger konsequenzvermindert in der „penalty-free area of the dramatic frame“13 ausprobiert und einstudiert werden können. Immer wieder lassen allerdings die soziale und politische Rahmung bzw. deren immer auch unkalkulierbare Dynamiken diesen Schutzraum als durchlässig erscheinen, durchdringen ihn oder annullieren ihn gänzlich. Solche Momente eines gewaltsamen „Re-Entry des Sozialen“14 können schwerwiegende Folgen haben und rufen die problematischen Dimensionen einer ethisch und politisch verantwortungsbewussten Einlassung auf, um deren kritische Sondierung, deren Erfolg und Scheitern es den Autorinnen und Autoren im vorliegenden Band auf vielfältige Weise geht. In diesem Sinne wird ein genauer Blick darauf geworfen, in welchen spezifischen Verhältnissen ästhetische Rahmungen und die Gegebenheiten der sozialen Kontexte zueinander stehen. Was sind Konsequenzen, die mit der Kollision von oder dem Oszillieren zwischen verschiedenen Rahmen während eines Applied-Theatre-Projektes einhergehen können? Sind die Interventionen für die Beteiligten mit schwer abschätzbaren Risiken verbunden oder womöglich Grund einzigartiger Erfahrungsmomente? Kann es zu irreversiblen Brüchen dieser Rahmen, zu Machtkämpfen und Unverträglichkeiten zwischen ihnen kommen? Wie wird damit umgegangen? Und wie lassen sich diese Dynamiken der Aushandlung beschreiben?

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