Applied Theatre

Rahmen und Positionen

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Reinszenierung – Reenactment – Wiederholung
Applied Theatre ist als politische wie auch ästhetische Praxis in sich wiederholende Machtstrukturen eingebettet und stellt einen Ort dar, an dem das ‚Wieder‘ auf vielfältige Weise emergiert und eine kritische wie reflexive Auseinandersetzung erfordert.
Beschäftigt man sich mit repetitiven Strukturen im Applied Theatre, stellt man fest, dass Fragen der Wiederholung ein von jeher wichtiges Thema gewesen sind. So sah, um nur ein Beispiel zu nennen, Jacob Levy Moreno, der Begründer des Psychodramas, bereits in den 1920er Jahren in der theatralen Repetition einen Akt der Befreiung, indem er in der Wiederholung die Möglichkeit zur Transformation erkannte.18 In verschiedenen therapeutisch involvierten Formen des Applied Theatre sind in der Tat große Hoffnungen an theatrale Praktiken geknüpft, wenn etwa in der Traumatherapie Wiederholungszwängen mit gezielten theatralen Interventionen begegnet wird oder mithilfe theatraler Praktiken Rituale erfunden und etabliert werden, die die Verarbeitung eines Verlusts unterstützen sollen.
Im Diskurs um Repetition lassen sich zunächst zwei Positionen unterscheiden. Die erste betont die Unmöglichkeit der Wiederholung und ist im theaterwissenschaftlichen Kontext eng an die Debatte der Ereignishaftigkeit von Aufführungen gebunden, die auch Wiederaufführungen einer Inszenierung durch die leibliche Kopräsenz der Akteurinnen und Zuschauer mit deren jeweiliger Historie und momentanen Verfasstheit immer wieder als ein anderes Jetzt hervorbringen lässt. Aus dieser Perspektive wird die Einmaligkeit von Performance und Aufführung betont, deren Flüchtigkeit und Präsenz, wohingegen ein Repräsentationscharakter in den Hintergrund tritt bzw. verneint wird.19

Die andere Position betont die Unmöglichkeit, nicht zu wiederholen. Diese Haltung zeigt sich vor allem im Kontext der Debatte um Performativität. Nachdem im Linguistic Turn der westlichen Philosophie, Linguistik und Literaturwissenschaft die Position privilegiert wurde, dass menschliche Erkenntnis sprachlich strukturiert ist und letztlich jede Erfahrung auf Wiederholung basiert, wurde, was für die Sprache gilt, etwas später mit dem Performative Turn ebenso und zunehmend für das Körper- und Bewegungsgedächtnis angenommen. In Tanz- und Theaterwissenschaft wird dabei häufig der Körper als Archiv aufgefasst. Der Begriff der fleischgewordenen Erinnerung, „flesh memory“20, von Rebecca Schneider spielt dabei eine wesentliche Rolle. Sie konzipiert damit die Performance nicht mehr nur als flüchtiges Ereignis, sondern situiert sie zwischen Erscheinen und Verschwinden, wobei die fleischgewordene Erinnerung wie ein Echo nach dem Ende der direkten Erfahrung weitergetragen und verarbeitet werde.21

Wenngleich also Wiederholung und Nichtwiederholbarkeit nicht leicht zusammenzudenken sind, ist es in der Theaterwissenschaft heute eher unüblich, diese Begriffe als konträr und einander ausschließend zu begreifen. So schreibt Joy Kristin Kalu, dass Begriffe wie Einmaligkeit, Unmittelbarkeit und Unwiederholbarkeit nicht länger haltbar seien und die Rede vom reinen Ereignen in den Performances den dominanten Verfahren und der Intention vieler Performancekünstlerinnen widerspreche.22 Auch Ulf Otto bemerkt, dass die romantische und avantgardistische Idee einer sich von einem vorgängigen Vorbild absetzenden und auf Neuigkeit oder Einmaligkeit zielenden Inszenierung eher als historischer Sonderfall der Theatergeschichte angesehen werden müsse.23 Wiederholung erscheint als ein Paradox, das beide Haltungen zu umfassen vermag. Diese dritte Position wird unter anderem von Gilles Deleuze und Judith Butler stark gemacht, wenn Butler etwa vom subversiven Potenzial der Wiederholung spricht24 oder Deleuze betont, dass Wiederholung und Differenz einander bedingen und Repetition als Kulturtechnik beschrieben werden kann, die individuelle und kulturelle Funktionen erfüllt.25 Bezogen auf das Applied Theatre bedeutet dies, dass das Theater hier als eine Kulturtechnik verstanden werden kann, die in einem bestimmten Kontext taktische Widerstände evozieren kann, jedoch zugleich in Rahmungen eingebettet ist, die von auch machtstabilisierenden Wiederholungsstrukturen gekennzeichnet sind. Wie unterschiedlich diese repetitiven Strukturen verhandelt oder reflektiert werden, zeigen die hier im Band versammelten Beiträge.

In jüngster Zeit hat sich die Debatte um Wiederholungsstrukturen auf den Begriff des Reenactments fokussiert. Aus theaterwissenschaftlicher Perspektive ist unter Reenactment das performative „Nachstellen eines vergangenen Ereignisses, in dessen Vollzug Historie als Präsenz erlebt werden soll“26, zu verstehen. Wenn wir von einem engeren Verständnis des Reenactments ausgehen, definiert sich dieses vor allem durch den bewussten Vollzug, eine möglichst große Genauigkeit in der Wiederholung und die deutliche Referenz auf ein vorheriges Ereignis, welches in einer Gegenwart verkörpert werden soll. Bezieht man diesen Gedanken auf das Applied Theatre, so liegt es nahe, in vielen Fällen von einer Didaktik des Reenactments zu sprechen, die durch die Praxis des Applied Theatre vermittelt und in unterschiedlichen Beiträgen kritisch diskutiert wird. Differenziert werden muss auch hier zwischen unbewussten und bewussten Handlungen, die durch die Praxis der theatralen Auseinandersetzung reaktualisiert werden. Im psychologischen Kontext findet der Begriff der Reinszenierung Verwendung. Anders als bei einer bewussten Inszenierung im Theaterkontext werden in der psychologischen Arbeit vorwiegend unbewusste Vorgänge der Wiederholung wichtig, bei denen Handlungen, wie Freud in Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten schildert, an die Stelle von Erinnerungen treten: „[D]er Analysierte erinnert überhaupt nichts von dem Vergessenen und Verdrängten, sondern agiert es. Er reproduziert es nicht als Erinnerung, sondern als Tat, er wiederholt es, ohne natürlich zu wissen, daß er es wiederholt.“27 Die Wiederholung emergiert, so könnte man in Anlehnung an Freud sagen, als eine „Kraftäußerung des Verdrängten“.28

Im Kontext des Applied Theatre sehen wir Akteurinnen und Akteure in einem machtdurchwirkten Spannungsfeld agieren, in dem sich unbewusste Vorgänge, Spiel- und Handlungsweisen mit strategisch gesetzten und bewussten Wiederholbarkeiten und Setzungen abwechseln und in dem die Teilnehmerinnen und Facilitators angehalten sind, Momente der systemstabilisierenden Wiederholung gleichermaßen anzuerkennen wie auch zu subvertieren oder transformieren.

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