Applied Theatre

Rahmen und Positionen

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It’s something that is important not to forget. Theatre can be used by any side, for any political reason. It can be used as propaganda […] or it can be used as resistance. Just as likely it is used as escape and relief. All forms have their rationale and validity. Theatre is not pure. It does not escape the questionable or ethical. It is implicated. Always.1

Applied theatre comes to psychology, development and prison education […] but cannot speak for or speak from those fields. We are only ever visitors within the disciplines into which we apply our theatre. […] We are not expert in these areas nor should we seek to be. One of applied theatre’s strengths is in its status as the outsider, the visitor and the guest.2

Applied Theatre kann beschrieben werden als ein auf Veränderung zielender Interventionsprozess hinein in konkrete, oftmals konfliktträchtige soziale Handlungsfelder. Verschiedene Formen des Applied Theatre finden sich konfrontiert mit den Konventionen und Gesetzmäßigkeiten dieser bisweilen restriktiven Kontexte gewissermaßen in der Pflicht, sich im Moment der Einlassung zunächst als etwas ‚Fremdes‘ zu behaupten, die vorgefundenen Gegebenheiten bis zu einem gewissen Grad anzunehmen. Applied Theatre, seine Praktikerinnen und Praktiker könnten, so formuliert es obenstehend James Thompson, verstanden werden als Außenseiter, als Besucherin, als Gast.

Der Begriff, der im Titel dieses Buches einerseits wie eine etablierte Genrebezeichnung klingt, andererseits aber, seltsam provisorisch, im englischen Original beibehalten wird, wirft mehrere Fragen auf. Lässt sich Theater ‚anwenden‘? Kann man Aufführungen, die ja eine nie ganz planbare, immer auch unvorhersehbare Begegnung zwischen Menschen darstellen, wie ein Instrument zu klar definierten Zwecken nutzen? Und ist Theater wirklich so nützlich, so passförmig, so gut verwendbar, wie der Begriff Applied Theatre es suggeriert? Er scheint lose an das Konzept von ‚Applied Sciences‘, von Angewandten Wissenschaften, anzuschließen – ein Modell von Wissenschaft, das die Universitäten gerne mit einem gewissen Hochmut den Fachhochschulen überlassen. Für ein traditionelles Verständnis von Geisteswissenschaften (auch im Sinne von artes liberales, Liberal Arts) sind Applied Sciences nahezu ein Gegenbegriff. Ist Applied Theatre in ähnlicher Weise als Gegenbegriff zu freier Kunst aufzufassen? Wer könnte so ein Theater wollen? Oder anders gefragt: Brauchen wir einen Begriff, der uns einmal mehr dazu verleitet, Theaterformen säuberlich entlang einer Grenze von Kunst und Nicht- Kunst zu sortieren? Denn dazu führt die Rede von Applied Theatre oft. Wer diesen Begriff wählt, möchte häufig andeuten, dass das betreffende Theaterereignis primär nach anderen als ästhetischen Kriterien zu bewerten sei. Als ob ästhetische Kriterien jemals ausgereicht hätten, um Theater differenziert einzuschätzen.

All diesen Fragen und Einwänden zum Trotz ist Applied Theatre zum Titel dieses Buches geworden, weil wir glauben, dass unter dieser Bezeichnung Themen und Diskussionen zusammengeführt werden können, die – gerade im deutschsprachigen Raum – noch zu wenig voneinander Notiz nehmen. Es gibt Bücher zu politischem Theater, zu Theaterpädagogik und Theatertherapie, zu Community Theatre und – in geringerer Zahl – auch zu Unternehmenstheater, aber bislang nur wenige Studien, die die Zusammenhänge zwischen all diesen Praktiken in den Mittelpunkt stellen. So werden aktuelle Formen politischen Theaters in die Tradition der großen politischen Theaterprojekte des 20. Jahrhunderts gestellt (u. a. Zeitstücke, episches Theater, Dokudrama), wohingegen die strukturellen und formalen Ähnlichkeiten zwischen politischem Theater und Unternehmenstheater kaum Beachtung finden. Praxis und Theorie der Theaterpädagogik sind penibel darauf bedacht, nicht mit therapeutischem Theater verwechselt zu werden, obwohl die Analogien zwischen beiden Feldern eigentlich auf der Hand liegen. Es ist in der Regel wichtig, Theaterpraktiken differenziert zu betrachten und nicht über einen Kamm zu scheren, aber manchmal kommt es auch darauf an, ähnlich gelagerte Diskussionen miteinander in Beziehung zu setzen. Eine solche Vermittlung zwischen Diskussionsfeldern ist das Anliegen dieses Bandes.

Die Fragen, die der Begriff Applied Theatre anstößt, sind weitreichend und einschüchternd: Welches ist der Ort performativer und theatraler Praktiken in den Gesellschaften der Gegenwart? Wie lassen sich die Potenziale, aber auch die Grenzen politischer Wirksamkeit für die performativen Künste heute bestimmen? Was heißt es, über Kontexte und Rahmungen von Theater zu sprechen? Wer entscheidet eigentlich über die Beschaffenheit dieser Kontexte? Die Beiträge dieses Bandes suchen nach Antworten auf diese Fragen, indem sie Anwendungsformen von Theater in den Blick nehmen. Theater wird dabei in einem weiten Sinne verstanden. Es geht um performative Praktiken, in denen Formen des Zeigens und Verbergens virulent sind. Mehrere der Autorinnen und Autoren haben neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit auf unterschiedliche Weise selbst in der Praxis des Applied Theatre gearbeitet, so dass ihr Schreiben aus einer besonders engen Verschränkung von Theorie und Praxis erwächst, die wohl als charakteristisch für den Applied-Theatre-Diskurs gelten kann. Die besondere Nähe von Wissenschaft und Praxis ist freilich auch eine Besonderheit der Diskurse und Praktiken einer angelsächsischen Theaterwissenschaft, auf die viele der hier versammelten Beiträge Bezug nehmen. In Großbritannien und den Vereinigten Staaten gibt es ein dichtes Netz von Fachorganisationen, Studiengängen und Weiterbildungsinstitutionen für Applied Theatre, insofern auch bewährte Ausbildungswege für Praktikerinnen und Praktiker, wie sie sich im deutschsprachigen Raum erst allmählich entwickeln. Dagegen hat es in der hiesigen Theaterwissenschaft eher Tradition, das Verhältnis von Theater und Gesellschaft aus historisch-kritischer Perspektive zu beleuchten. Vielversprechend erscheint es, diese unterschiedlichen Fragerichtungen miteinander in Beziehung zu setzen, wozu der vorliegende Band einladen möchte.

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