Auftreten: Wege auf die Bühne

von und

Wie ist folgender Satz zu deuten? „Es wurde so hell wie nie zuvor, wenn er auftrat, und dochtlichtfahl, sobald er abging.“1 Welche semantische Dichte und praktische Komplexität birgt die scheinbar simple Regieanweisung „Enter Cesar“? Welche Herausforderungen verbergen sich in einer weiteren Regieanweisung, welche verlangt, dass eine Person „mit jähem Ruck“2 auftritt? Oder wie hat man es zu verstehen, wenn Figuren in Elfriede Jelineks Stück Burgtheater mittels einer „Art Märchenkahn“ oder eines „paradiesischen Gefährtes“ erscheinen, oder wenn sie umgekehrt „verstohlen und gehetzt“ auftreten?3 Schließlich: Welche performative Kraft wohnt einem Satz wie „Incomes I“4 inne, der nichts anderes zu sagen scheint, als dass der Sprecher im Auftreten begriffen ist?

Nora Buzalka, Inka Löwendorf und Werner Eng in „Ohne Titel Nr. 1“. Eine Oper von Herbert Fritsch, Volksbühne, Berlin 2014, Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de
Nora Buzalka, Inka Löwendorf und Werner Eng in „Ohne Titel Nr. 1“. Eine Oper von Herbert Fritsch, Volksbühne, Berlin 2014, Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Die hier versammelten Texte handeln von der vielleicht einfachsten und grundlegendsten Operation in Drama und Theater. Als theatralische Handlung erscheint das Auftreten zunächst einmal als selbstverständlich und unscheinbar. Es gehört so offenkundig dazu, dass man es als ein eigenes organisierendes Prinzip gar nicht mehr wahrnimmt. Mit dem Auftreten ist es so wie mit Edgar Allan Poes Purloined Letter, der bekanntlich in „plain sight“ versteckt war. Gerade deshalb aber ist es so schwer zu fassen – und von den Theater-, Literatur- und Kulturwissenschaften weitgehend vernachlässigt worden.5 Dabei steht die scheinbare Simplizität einer so selbstverständlichen Operation im umgekehrten Verhältnis zu ihrer semantischen und strukturellen Überdeterminiertheit, der methodologisch nur schwer beizukommen ist. Zu vielfältig sind die Ausprägungen und performativen Leistungen des Auftretens, als dass es sich einem einzigen perspektivischen oder disziplinären Zugang erschließen würde. Das Bedeutungsspektrum dessen, was es heißt, ‚einen Auftritt zu haben‘, ist innerhalb und außerhalb des Dramas unübersehbar. Von der Castingshow bis zum akademischen Hearing, von der ‚Szene‘ der Diva bis zum diskreten, aber nicht minder ambitionierten Erscheinen einer grauen Eminenz, vom Politikerauftritt bis zum Helikopterauftritt eines James-Bond-Ganoven lässt sich von Auftritten sprechen, insofern Akteure in mehr oder weniger markanten und aufmerksamkeitserregenden Formen sichtbar werden und in den Wahrnehmungsfokus eines Publikums eintreten. Der vorliegende Band macht es sich zur Aufgabe, Drama und Theater aus der Perspektive des In-Erscheinung-Tretens zu erschließen und das Auftreten von Personen an der Bühnengrenze als ein zentrales performatives Prinzip bewusst zu machen.

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