Ins Bild kommen, im Bild sein

Versuch über den Auftritt in un-/bewegten Bildern

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Der Auftritt braucht einen Rahmen, der die Szene, in die eine Figur eintritt, einfasst und abschließt. Es bedarf einer Grenze, die überschritten werden muss, um diesen Eintritt als solchen zu markieren. Der Moment des Auftritts verändert die Szene, die gefriert im Augenblick des Umschlags, den der Eintritt einer Figur bewirkt. Der Auftritt ist also, zumindest seit der Erfindung der Guckkastenbühne im 18. Jahrhundert, verbunden mit einer spezifischen Bildlichkeit, die in der Theatertheorie der Zeit unter dem Begriff des Tableaus behandelt wird.1 Die Theaterschriften weisen eine Fülle an Parallelen zwischen Bild und Bühne auf, die das Theater mit den Mitteln der Malerei reformieren sollen: seien sie von Diderot, der die Bühnenhandlung ausmalt als Folge von Tableaus, seien sie von Lessing, der mit dem Modell des fruchtbaren Moments die entscheidende Szene ebenfalls bildlich auffasst. Dieser Beitrag versucht nun umgekehrt zu beschreiben, in welcher Weise der Auftritt für Bilder verwendet und was dabei gewonnen werden kann. Denn zunächst scheint es ja wenig Sinn zu machen, eine Darstellungstechnik, die an einen bewegten Körper gebunden ist, auch auf unbewegte Bilder zu beziehen.

Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de
Nora Buzalka, Inka Löwendorf und Werner Eng in „Ohne Titel Nr. 1“. Eine Oper von Herbert Fritsch, Volksbühne, Berlin 2014, Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Aus dem Auftritt, verstanden als ein Darstellungsmodell, lassen sich drei auch für Bilder relevante Aspekte gewinnen. Zum einen lassen sich die narratologischen Möglichkeiten und Grenzen von Bildern präziser bestimmen. Zum anderen bietet dieses Modell einen erhellenden bildwissenschaftlichen Zugang zum bewegten Bild, und zwar über die Gemeinsamkeit der Funktion des Rahmens. Drittens birgt der Auftritt darstellungstheoretische Dimensionen durch seine Verbindung mit dem Begriff des Tableaus. Der Auftritt konstituiert, wie Bettine Menke herausgestellt hat, das Innen des Darstellungsraumes, und zwar gerade durch die Aktivierung des Off im On.2 Denn jedes Innen ist, um als solches vorkommen zu können, auf ein Außen angewiesen. Wegen dieser Angewiesenheit des On auf ein Off werden nicht nur die Rahmen, sondern auch die Rahmenbedingungen von Darstellungen im Auftritt sichtbar. Während Bettine Menke davon ausgeht, dass gerade dieser Aspekt in der Tableauidee mit ihrer Phantasie der Geschlossenheit des Bildes verschwindet,3 werde ich anders argumentieren: Die Tableaukonzeption zumindest von Diderot kehrt, in einer paradoxen Wendung, die Bedingungen des Darstellens hervor und zersetzt die Idee des einen, geschlossenen Bildes, ohne sie als Darstellungsmodell zu verwerfen.

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