Authentizität!

Das Problem

von

Authentizität, das gibt es nicht.
Das lernt man in der
Schauspielschule.

Devid Striesow
(Berliner Morgenpost, 2016)

Vor geraumer Zeit blätterte ich während eines Aufenthalts in einem Quartier der Hotelkette Motel One in einem Werbekatalog des Hauses und stieß alsbald auf eine Doppelseite. Dort versammelten sich neun Angestellte des Unternehmens auf einem Gruppenfoto. Durchgehend in ihren Zwanzigern, präsentierten sie sich dem Betrachter offenen Gesichts, dezent lächelnd, in charakteristischer Dienstkleidung: türkises Hemd unter braunem Anzug die beiden Männer und in türkise Bluse zuzüglich Halstuch und braunes Kostüm gefasst die Frauen. Die Anordnung der Gruppe vermittelte den Eindruck wechselseitiger Vertrautheit; drei Mitarbeiterinnen hatten, wie gute Freundinnen das tun, ihren Arm über die Schultern der anderen gelegt. Tatsächlich arbeiteten die neun in Niederlassungen quer durch Deutschland, eine war sogar in Wien beschäftigt. Diese Zusatzinformation erschloss sich über Zahlen, die den Einzelnen zugeordnet waren und auf nummerierte, die Figuration einrahmende Textblöcke verwiesen. Dort waren Arbeitsort und Alter der Personen zu erfahren sowie ihre Kurzantworten auf Deutsch und Englisch auf die Frage, die in Großbuchstaben links oben auf der Doppelseite stand: WARUM MOTEL ONE?

„Weil Motel One ein verantwortungsvoller Arbeitgeber ist, der mir als alleinerziehender Mutter die nötige Sicherheit für mein Leben gibt“, sagt eine 27-Jährige von der Service Lounge. Andere preisen die flachen Hierarchien, die den Mitarbeitern schnelles Weiterkommen ermöglichen, die harmonische Atmosphäre in jungen Teams, nennen das Unternehmen „supercool“ oder streichen die Anmutung eines Designs heraus, das haargenau dem eigenen Geschmack entspricht. Die verbalen Kundgaben bekräftigen die visuelle Botschaft: Erwerbsarbeit unter solchen Umständen hat den einst ihr anhaftenden Fluch, von fremder Hand verfügt zu sein, gebannt. Warum also letztlich Motel One? „Weil wir einen super Spirit in der Belegschaft haben. Da macht das Arbeiten vor allem eines: Spaß!“, freut sich die 25-jährige Juliane. Und dann noch Toni, Rezeptionist aus Berlin. Die ihm zugeschriebene Antwort fasst den allgemeinen Wohlfühlgestus in denkwürdige Worte: „Weil ich mich bei der Arbeit nicht verstellen muss und so sein kann, wie ich wirklich bin. Wo gibt’s das noch?“

Wir befinden uns in der Welt des Marketings; Gestus und Äußerungen der jungen Angestellten dienen dem leicht durchschaubaren Zweck, Gäste zum Wiederkommen zu bewegen, den expandierenden Geschäften Nachwuchs zuzuführen. Dennoch, gerade deshalb ist die Präsentation von durchaus theoretischem Interesse. Sie verweist auf einen kulturellen Code, der die Kommunikation des Unternehmens mit seiner Umwelt auf lehrbuchhafte Weise regelt. Mitarbeiter vorzuführen, die ihre Aufgaben ‚ordentlich‘ erfüllen, liefe auf dasselbe hinaus, wie Waren feilzubieten, in denen ‚solide Arbeit‘ steckt. Die Ware soll ein inniges Band mit ihrem Käufer, der Mitarbeiter ein ebensolches mit seiner Stelle knüpfen. Arbeitnehmer anzuhalten, sich mit ihrer Arbeit pflichttreu anzufreunden, reicht nicht aus. Gefragt sind Individuen, die die Grenzen zwischen ihrem Eigensten und ihrem Wirken für die Firma räumen, ihren Beruf offenherzig praktizieren. In Funktion und gleichzeitig man selber bleiben, sein, wie man „wirklich“ ist, so geht man zeitgemäß zu Werke.

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