Wie Menschen „wirklich“ sind

1. Wir Ex-Zentriker

von

Seit frühesten Zeiten leben Menschen in Verbänden und begreifen sich darin. Die Art, wie sie sich begreifen, ändert sich mit der Art und Weise ihres Verbundenseins. Die tiefgreifendste Veränderung ihres Selbstbildes wie ihrer Beziehung zu anderen bewirkte die Herausbildung einer auf kapitalistischer Warenproduktion beruhenden Gesellschaft. Dieser Prozess entband zugleich das soziologische Denken, und einer der ersten, der die Zäsur reflektierte, die beides entstehen ließ, war Adam Ferguson.

„Es geschah stets in Gruppen und Gesellschaften, daß die Menschen umhergewandert sind oder sich niedergelassen haben, daß sie sich einig gewesen sind oder sich gestritten haben. Wie immer ihr Zusammenkommen beschaffen sei, seine Ursache liegt im Prinzip des Bündnisses oder der Vereinigung.“ (Adam Ferguson: Versuch über die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft (zuerst 1767), Frankfurt am Main 1988, S. 117. ) Mit diesen Sätzen formulierte Ferguson gleich zu Anfang seiner Schrift die unumstößliche Wahrheit menschlicher Existenz und ging im Weiteren der Frage nach, warum sie außer Acht geraten konnte. Seine Antwort ist nach wie vor bedenkenswert: Die Herausbildung marktbasierter Gesellschaften (die er „kommerzielle“ nennt) verdunkelt die Wahrheit, stellt sie auf den Kopf. „Wenn überhaupt jemals, so findet sich in der Tat hier der Mensch zuweilen als ein losgelöstes und einsames Wesen. [...] Die mächtige Maschine, von der wir annehmen, daß sie die Gesellschaft bildet, sie dient hier nur dazu, ihre Mitglieder zu entzweien oder ihren Verkehr fortzusetzen, nachdem die Bande der Zuneigung zerrissen sind.“ (Ebd., S. 121.) Diese Entwicklung verändert den Blick der Einzelnen auf ihren sozialen Zusammenhang fundamental: „Das Individuum schätzt sein Gemeinwesen nur noch insofern, als es seinem persönlichen Vorankommen oder Gewinn dienstbar gemacht werden kann.“ (Ebd., S. 418.) Die Sorge um sich wird allbeherrschend und die Tugend, statt gleichermaßen das „Wohl der Menschheit“ wie das eigene zu bezwecken, verknöchert zu einem „Akt der Strenge und Selbstverleugnung“. (Ebd., S. 165, 171.) 

Individuelles und soziales Wohlergehen, bis dato komplementäre Aspekte des Handelns, treten auseinander. Der Wertakzent verschiebt sich hin zum Einzelwohl, dem gegenüber das allgemeine Wohl Forderungen geltend macht, die zu erfüllen Einschränkungen der Freiheit mit sich führt, Freiheitsopfer fordert. Verfassungsrechtler erläutern, wie dabei zu verfahren ist: „Je schwerwiegender die gesetzgeberischen Freiheitsbeschränkungen sind, desto höher sind die Anforderungen an den Nachweis der Dringlichkeit und Angemessenheit eines Schutzes des gemeinen Wohls vor den in Rede stehenden Freiheitsbetätigungen des Bürgers.“ (Hans-Jürgen Papier: „Freiheit und Gemeinwohl“, in: Ders., Timo Meynhardt (Hg.): Freiheit und Gemeinwohl. Ewige Gegensätze oder zwei Seiten einer Medaille, Berlin 2016, S. 17.) Der Gegenbegriff „Gemeinwohlbeschränkungen zum Schutz der Freiheit“ taucht in diesem Zusammenhang nicht auf, wohl deshalb, weil sich das Vorfahrtsrecht der Freiheit von selbst versteht. Wir sind zu Hause, in unserer Welt.

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