Wie Menschen „wirklich“ sind

2. Entgrenzungen

von

Menschen drängen zur Fixierung hin und von ihr fort, sie exponieren ihr Selbst und verhüllen es, verleihen ihrem Innersten Ausdruck oder wahren das Caché und finden im Wechsel dieser Haltungen ihr fragiles Gleichgewicht. Die Haltungen auf die jeweiligen Verhaltenskontexte passgenau abzustimmen, ist Aufgabe der ‚Außenpolitik‘ der Individuen. In Funktion – Minister, Anwalt, Ärztin, Lehrerin – und gleichzeitig ‚man selber‘ sein zu wollen, unverstellt, so, wie man „wirklich“ ist, verrät eine beunruhigende Verunsicherung der Instinkte.

Wohl toleriert das funktionale Dasein im Postfordismus expressivere Selbstdarstellungen als vordem. Ein gewisses Maß an Offenheit, Einfühlungsvermögen und Sensibilität gilt als Ausweis zeitgemäßer Professionalität. (Eva Illouz: Gefühle in Zeiten des Kapitalismus, Frankfurt am Main 2006.) Nur fungieren diese Eigenschaften gleichzeitig als Spieleinsätze in einem Wettbewerb, der Sieger und Verlierer produziert. Am besten fährt, wer Offenheit glaubwürdig ausstrahlt, andere ins Offene lockt und deren Mangel an Aufsicht auszunutzen weiß. Man kontrolliert seine Gefühle, panzert sich mit inszenierter Aufgeschlossenheit und münzt seine emotionale Intelligenz in Extraprofite um. (Wolfgang Engler: „Seelendividende. Über Rollenspiele und emotionales Engagement“, in: Jörg Metelmann, Timon Beyes (Hg.): Die Macht der Gefühle. Emotionen in Management, Organisation und Kultur, Berlin 2012.) Keine Freiheit ohne Preis, das ist die Regel; abgelebte Zwänge weichen selten, ohne dass neue sie ersetzen.

Der heutige Berufsmensch unterliegt, wie in der Vergangenheit auch, Zwängen rein funktionaler Natur und verwandelt diese in Selbstzwänge des Verhaltens. Das reibungslose Zusammenwirken Vieler verlangt die Dämpfung ungestümer Leidenschaften, das Zurückstellen von Akutwünschen zugunsten aufgeschobener Triebbefriedigung, Langsicht, Stresstoleranz und manches mehr. In diese rein funktionalen Zwänge mischen sich auf häufig schwer zu entwirrende Weise solche, die ausschließlich der sozialen Disziplinierung zuarbeiten. (Zum Problemkreis unentbehrlicher und entbehrlicher Konditionierungen vgl. den Klassiker von Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, Zweiter Band: Wandlungen der Gesellschaft. Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation, Frankfurt am Main 1976.) Diese segeln nicht länger unter der Flagge von Verbot, Versagung, Unterwerfung; sie kommen als Chancen daher, laden zur Verausgabung ein, zur Selbstverwirklichung. Je größer die Spielräume, die ein Beruf tatsächlich eröffnet, desto leichter fällt die Verkennung dieser rein sozialen Zwänge, deren kritiklose Internalisierung.

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