Wie Menschen „wirklich“ sind

3. Das Eigene und das Fremde

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Gleichgültig, welchem sozialen Feld wir uns zuwenden, beobachten wir Grenzüberschreitungen, die den Menschen als solchen betreffen, sein Menschsein. Um deren Richtung und Ausmaß genauer zu bestimmen, muss man die menschliche Grundverfassung noch einmal kurz ins Auge fassen. Als geborene Exzentriker leben Menschen beständig in der Gefahr, ins Extrem zu fallen, zu exponiert, offen, involviert oder das Gegenteil davon zu sein. Dann erlischt der Streit der Dispositionen, ihr Antagonismus, läuft das Menschsein auf eine seiner Dimensionen ein. Authentisch sein, in soziobiotischer Perspektive, ist eine Frage der Balance.

Die ist nur allzu oft gestört. Zwei Arten dieser Störung stechen besonders hervor. Entweder wird das Selbst von seinen vitalen Regungen abgeschnitten oder es wird umgekehrt aufgerufen, sich mitsamt seinem Unterbau und also ganz zu geben. Unter dem Einfluss des ersten, älteren Zwangsregimes verkümmert der Mensch zum homo clausus (Zu dieser Deformation der Conditio humana siehe Norbert Elias: Die Gesellschaft der Individuen, Frankfurt am Main 1987.) und leidet unter dem klaustrophobischen Gefühl, in sich selbst eingesperrt zu sein. Der Zugang zu sich, den eigenen Antrieben, Wünschen, ist gehemmt, und diese Hemmung überträgt sich auf die Beziehung zu anderen. Ursprünglich ein Defekt bürgerlicher Oberschichten, spaltet er das Individuum, indem er dessen Mitte durchtrennt. Als animal rationale gehört es der Welt, agiert in ihr, der Rest verkapselt zu einem rätselhaften Ich, das auf der anderen Seite der Grenze siedelt. Immerhin bleibt in dieser Konstellation das Begehren rege, dieses Reich zu betreten, auszukundschaften.

Die Geheimnisse dieser terra incognita zu lüften, das enträtselte Selbst ans große Ganze anzuschließen, so, dass es nichts für sich zurückbehalte, fokussierte den Ehrgeiz der postmodernen Ingenieure der Seele. Dank ihrer Bemühungen trat dem homo clausus ein nicht minder deformierter Zwilling an die Seite, der noch die letzten Reservate seines Selbst der Funktionalisierung zuführt: der homo connectus (always in, always on).

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