Wie Menschen „wirklich“ sind

3. Das Eigene und das Fremde

von

Funktionales vs. autonomes Selbst, das ist der Kern unserer Freiheitsproblematik, und der ist nirgends aufgeweichter als in der Welt der neuen Angestellten. Hier weiß man am wenigsten zu sagen, wo das verzweckte Leben endet und das eigene Reich beginnt. Wer die Frage aufwirft, auf eine klare Unterscheidung drängt, verrät einen haarsträubenden Mangel an Kompetenz. Den Vorwurf a priori abzuschmettern, preist sich der neue Angestellte als jener Arbeitnehmer an, den diese Frage nicht tangiert.

Dabei könnte er seinen Scharfsinn an ihr üben, ist sie doch alles andere als trivial. Die Zeit nach Dienstschluss, kurz oder lang, gehört dem Dienstbefreiten und zugleich, gewollt oder nicht, der Wiederherstellung seines Arbeitsvermögens. Ihre Einbettung in reproduktive Zusammenhänge hindert die einzelnen Akte – Essen, Trinken, Vergnügungen, Urlaub, Kulturkonsum etc. – mitnichten daran, über ihren objektiven Zweck zu triumphieren, eigensinnig, lustvoll praktiziert zu werden.

Der klassische Angestellte jedenfalls bestand auf seinem Recht, seine Freizeit nach seinem Gutdünken einzurichten, und erholte sich für das Unternehmen, indem er sich unbekümmert von ihm erholte. Ein Spielfilm von King Vidor aus dem Jahr 1928, The Crowd, zeigt gleich zu Beginn eine Halle von ungeheurem Ausmaß, darin Angestellte in endlos langen Reihen hinter ihrem Schreibtisch sitzend, den Blick ungeduldig auf eine große Wanduhr in Sitzrichtung geheftet. Nun endlich zeigt sie 17 Uhr, nun klappen in einem Takt die Ordner zu, das Schreibgerät wird abgelegt und alle stehen auf, streben dem Waschraum entgegen, ein kurzer Blick in den Spiegel und dann, die Kleidung geordnet, im Eilschritt zum Ausgang, aus dem zur selben Zeit, gleichfalls in Scharen, weibliche Angestellte strömen. Im Reißverschlussprinzip hakt man einander unter und spaziert erwartungsfroh von dannen; jetzt geht das Leben los.

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