Wie Menschen „wirklich“ sind

4. Verstelltes Dasein, richtiggestellt

von

Die Verwandlung sozialer Zwänge in Selbstzwänge des Verhaltens bedeutet an sich keine Vergewaltigung der menschlichen Natur. Menschen wollen aus sich heraus, mit ihresgleichen wirken, ringen, fechten und setzen sich dergestalt dem Ehrgeiz und, wer weiß, dem Übelwollen anderer aus. Damit möglichst schadlos klarzukommen, bedarf es einer Rüstung.

Der Mensch in der Rüstung ist nicht mehr derselbe wie zuvor. Er moderiert sein Innerstes, gerade wenn er freundlich lächelt, womöglich ist er in Wahrheit übler Laune, hält andere auf Abstand. Kann er in dieser sozialen Aufmachung noch der sein, der er „wirklich“ ist? Durchaus, denn Zurüstung für den gesellschaftlichen Auftritt bildet einen Grundzug seines Wesens. Er wird in seiner sozialen Rolle desto näher bei sich sein und bleiben, je mehr seine Dispositionen der Position entgegenkommen, die er einnimmt. Eine Rolle wahrzunehmen, in der man selber eine Rolle spielen kann, verstärkt das Passgefühl. Sofern könnte Toni richtigliegen, wenn er sich in seiner Rolle aufgehoben, dem Zwang, sich zu verstellen, überhoben sieht. Andere Seiten seines Wesens auszukosten, bleiben Raum und Zeit genug. Im vollen Wortsinn „wirklich“ ist er, sind wir allein im Wechsel der Haltungen zur Welt. 

Irrtum, Verkennung setzen ein, sobald wir meinen, unser ganzes Wesen passe zu einer Rolle, einer Funktion, der ökonomischen zum Beispiel. Wir bemerken den Irrtum, indem wir ihm nachgeben, starke, vor allem negative Gefühle wie Wut, diesen Schurken der (post-)modernen Arbeitswelt schlechthin, an die Verhaltensoberfläche treten lassen. Im persönlichen Umgang mag das unter Umständen angehen, hier zählt das als manifester Normbruch, der vehement zurückgewiesen wird. Dasselbe gilt für Kundgaben von Hilflosigkeit, Verzweiflung, Schwäche. All das gehört bis Dienstschluss abgespalten, sorgsam verwahrt. Bezieht man Tonis Statement auf den ganzen Menschen, offenbart sich seine Schieflage. Toni, das synthetische Produkt, das lebt, lügt mit der Wahrheit, wenn er behauptet, er müsse sich in seiner Rolle nicht verstellen. Viele denken so wie er und liegen falsch. Tatsächlich verstellt er sich, verstellen wir uns alle in Funktion, selbst der anschmiegsamsten. Die Verstellung aufzuheben, müssen wir in andere Rollen, andere Felder, andere Beziehungsformen wechseln, uns dort auf neue Art erfahren und entfalten.

Die Richtigstellung, Balance und affektiven Ausgleich, ausgerechnet dem funktionalen Dasein aufzubürden, sind, aller diesbezüglichen Illusionen ungeachtet, die wenigsten verwegen genug. Seine spontanen Aktionsimpulse, seine Lust- und Unlustgefühle in den alltäglichen Austausch einzuspeisen, erlaubt man sich schon eher. Einen Schritt weiter gehen jene, die ihre Empfindungen und Empfindlichkeiten politisieren, um Diskurshoheit zu erlangen. Ebenso problematisch wirken Grenzüberschreitungen in die Gegenrichtung. Dann nimmt man seine Zurichtung zu Funktion und Arbeitsrolle mit nach Hause und modelliert seine höchstpersönlichen Beziehungen nach den Usancen des Berufs. Die „kommunikative Rationalität im Schlafzimmer“, das Taktieren, Ausdiskutieren, Verhandeln heutiger Liebender, worauf Eva Illouz aufmerksam gemacht hat, (Eva Illouz: Die Errettung der modernen Seele. Therapien, Gefühle und die Kultur der Selbsthilfe, Frankfurt am Main 2009, S. 226–232.) erscheint vor dem Hintergrund dieser Überlegungen als Ausdruck reziproker Verstellung. Die Ver- und Fehlstellungen von Menschen in allen Facetten auszuleben, in Funktion, öffentlich, gefahrlos – der Beruf des Schauspielers ermöglicht das im Modus des Als-ob. Hier von Verstelltsein zu sprechen scheint voreilig, es sei denn, man begreift Verwandlung a priori als Verstellung. Zugegeben, auch die Rolle, Rollen zu spielen, kann das Leben okkupieren, deformieren, und in dem Fall teilt der professionelle Darsteller das Schicksal der Figuren, die an derselben Überhitzung leiden.

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