Eins zu fünfundzwanzig

Bettina Meyers Bühnenräume

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„Fegefeuer in Ingolstadt“ von Marieluise Fleißer, Premiere am 16.09.2010, Schauspielhaus Zürich, Bühne Bettina Meyer, Foto Matthias Horn
„Fegefeuer in Ingolstadt“ von Marieluise Fleißer, Premiere am 16.09.2010, Schauspielhaus Zürich, Bühne Bettina Meyer, Foto Matthias Horn

Ihre Bühnen beschreiben? Bettina Meyer wehrt sich, spricht ungern darüber, vermeidet Interviews, in denen sie ihre Arbeit erklären soll. Es ist nicht wahr, dass alles in Worten gedacht wird, gerade die inneren Vorstellungsbilder decken sich nicht mit der Sprache. Ideen, die sich in ihrem Kopf einstellen, formuliert sie mit den Händen aus. Empfindungen, Fragestellungen, die ein Text oder Stoff aufwirft, Aufgaben, die der Aufführungsort ihr stellt, lassen sie – so sagt sie selbst von sich – zu einem 3-D-Drucker werden. Von Beginn an arbeitet sie ins Modell. Es ist ein eigener künstlerischer und handwerklicher Prozess, der sich da in Gang setzt. Unbewusstes spielt hinein, das motorische Gedächtnis formt und zeichnet, spielt mit Materialien, so lange, bis sich langsam ein Verstehen einstellt. Darum ist die Arbeit am Modell für diese Bühnenbildnerin fundamental. Digitale Hilfsmittel für die Entwürfe lehnt sie ab. Die Umsetzung ihrer Kopfbilder erfolgt in erster Linie haptisch. Selbst die Spielerinnen und Spieler eines Stücks gehen durch ihre Hände. Keine Figürchen aus dem handelsüblichen Modellbaukasten dienen zur Überprüfung der Wechselwirkung zwischen Figur und Raum, sondern typengenaue Ganzkörperporträts der Besetzung, die sie aus Styropor schnitzt.

„Medea“ von Euripides, Premiere am 29.11.2006, Deutsches Theater, Berlin / Schauspielhaus Zürich (2011), Bühne Bettina Meyer, Foto Matthias Horn
„Medea“ von Euripides, Premiere am 29.11.2006, Deutsches Theater, Berlin / Schauspielhaus Zürich (2011), Bühne Bettina Meyer, Foto Matthias Horn

Die Arbeit im Atelier ist nicht nur notwendiges Werkzeug einer Entwurfsphase, sondern spiegelt Bettina Meyers Selbstverständnis als Künstlerin wider. Sie will an einem geschützten Ort die Welt auseinandernehmen und erneut zusammensetzen, kleine, überschaubare Einheiten schaffen können, 1:25 ist ihr bevorzugtes Maß. Bettina Meyer fügt die verschiedenen Fragmente auf immer wieder andere Weise zusammen, beobachtet, wie sich neue Erzählungen einstellen und sich verändern, wie sich die Einzelstücke verwandeln und nicht mehr nur auf sich selbst verweisen, sondern einander zum Zeichen werden und Einfluss nehmen auf ihr Gegenüber, wie sich eine Sinnhaftigkeit ergibt, die sich bereits durch eine leichte Verschiebung wieder auflösen lässt. Dieses Selbstverständnis bezieht sich nicht nur auf ihre künstlerische Arbeit, sondern gibt auch Auskunft darüber, wie wir die Welt zu begreifen vermögen. Deswegen bleibt in den räumlichen Umsetzungen ihrer Forschungsprozesse das zugrunde liegende Modell sichtbar. Manchmal wirken Bettina Meyers Räume tatsächlich einfach hineingestellt in das Bühnenhaus, so wie der 1:25 Entwurf in den Modellkasten, als könnten sie doch noch einmal etwas anders platziert werden. Sie sind komplette Bauwerke, deren Einzelteile man jedoch wieder auseinandernehmen und neu zusammensetzen kann. Manches Mal wohnt man als Zuschauer dieser Destruktion sogar bei, wie in ihrem Bühnenbild zu Wedekinds Franziska (Theater Basel) oder Donizettis Der Liebestrank (Theater Freiburg).

Es sind Räume, die – nicht immer, aber häufig – auf sich als Provisorium verweisen, sich zur Disposition stellen. Vielleicht geht daher von ihnen immer auch eine gewisse Beunruhigung aus, die im Hintergrund simmert, während im Vordergrund alles in schönster Ordnung scheint.

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