Eine stürmische Ermutigung

Castorf in Taiwan

von

Foto: David Baltzer
Foto: David Baltzer

Zeitgenössisches deutsches Theater war in Taiwan bis 2006, bis Thomas Ostermeier mit „Nora“ und „Wunschkonzert“ hier gastierte, unbekannt, wenngleich Brecht als Klassiker in den Theaterschulen studiert und manchmal auch an diesen aufgeführt wurde. Ich selbst habe in den neunziger Jahren mit meiner Theatergruppe Heiner Müller, Botho Strauß, Peter Handke und Werner Schwab inszeniert. Aber das Publikum wusste wenig vom deutschen Theater. Allenfalls gab Pina Bausch bei ihrem Gastspiel 1997 in Taiwan noch einen Eindruck davon.

Meine erste Begegnung mit der Volksbühne datiert auf 1994. Ein Schock. Ich war damals als Dichter zum Kunstenfestivaldesarts in Brüssel eingeladen, zu einer Ausstellung von Fotografen und Lyrikern aus Hong Kong, Taiwan und China. Gleich vom Flughafen aus gingen wir ins Theater. Auf der Bühne: viele ältere Menschen in einem alten Café. Keine Ahnung, warum sich diese Beckett-Figuren dort versammelt hatten. Lieder aus dem Ofen erinnerten irgendwie an den Holocaust. Ich war damals dreißig und sah zum ersten Mal ein Stück ohne Worte, das keine Pantomime war. Ganz wunderbar. Dessen Titel war zu lang, um ihn zu verstehen oder jetzt noch zu erinnern. Aber ich erinnere mich an den Namen des Regisseurs: Christoph Marthaler. Und an ein seltsames Logo auf dem Kondom, das ich am Ausgang mitnahm: Ein Rad mit Beinen.

Zwei Jahre später konnte ich einige Zeit in Paris verbringen. Auf ARTE lief etwas von demselben Theater in Berlin, der Volksbühne: „Pension Schöller: Die Schlacht“. Ich verstand weder die Dialoge noch die Untertitel, aber die Verrücktheit der Inszenierung amüsiert mich noch heute.

2004 kam ich nach Berlin, um die Theaterszene kennenzulernen. Die Volksbühne war natürlich ein Muss – und ich sah zum ersten Mal eine Castorf-Inszenierung live: „End -station Amerika“. Ein magischer Moment in meinem Theaterleben. „Endstation Sehnsucht“ hatte ich viele Male gesehen (denn es ist ein gängiges Stück an den Universitäten in Taiwan und den USA), aber das hier war mit nichts zu ver -gleichen. Der Zugriff der Interpretation legte die reale Situation der Figuren frei. Weit entfernt von Elia Kazans Version mit Marlon Brando, war Stanley nun ein alter Typ mit Bauch, und Mitch nicht viel besser. Es wurde deutlich, dass Stella mehr als jeder andere aus dieser Familie fort will. Jeder steckte in seinem eigenen Dilemma, nicht nur Blanche. Stella (die brillante Kathrin Angerer) mit ihrem schiefen Gesinge wurde zudem als Figur wichtiger als Blanche. Szenenanweisungen waren auf einer elektronischen Anzeige zu lesen, was natürlich nicht hieß, dass die Schauspieler sie befolgten. Sie tanzten, sangen und scheuchten einander herum. Diese Energie auf der Bühne war das Ereignis.

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