Helmar Schramm: Das verschüttete Schweigen

Editorische Notiz

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Unter den Studierenden, die Helmar schon besser kannten, waren Sprechstundentermine immer auch mit einer gewissen Angst verbunden. In der Seminar- oder Doktorarbeit war man auf ein ganz konkretes Problem gestoßen, mit dem man einfach nicht weiterkam, weswegen ein Gespräch mit dem Betreuer weiterhelfen sollte. In der Regel konnte zwar für das Problem, wegen dem man gekommen war, eine gute Lösung gefunden werden, allerdings ging man auch – so die mit der Zeit unter seinen Studierenden zum Running Gag gewordene Erfahrung – mit mindestens zehn neuen offenen Fragen aus der Sprechstunde wieder raus, die sich vorher so eigentlich noch gar nicht gestellt hatten. Die Welt wurde in den Seminaren und Gesprächen mit Helmar eben immer komplexer, damit aber auch interessanter und aufregender. Trotz oder wohl eher wegen dieser dem herrschenden Zeitgeist in einem durchaus doppelten Sinne zuwiderlaufenden unökonomischen Denk- und Arbeitsweise – alles hat immer viel länger gedauert als geplant, und man wusste eigentlich nie, wohin die eigene Reise langfristig gehen sollte – waren seine Lehrveranstaltungen sehr beliebt, auch wenn sie meist einen beträchtlichen Mehraufwand an Arbeit bedeuteten.

Bild: Helmar Schramm, Der traurige Europäer (undatiert), © Anne Schramm
Bild: Helmar Schramm, Der traurige Europäer (undatiert), © Anne Schramm

Ein Band mit ausgewählten Aufsätzen aus vier Jahrzehnten zu seinem Gedenken widerspricht auf den ersten Blick geradezu dieser unökonomischen Denk- und Arbeitsweise Helmars, scheint damit doch das Versprechen verbunden zu sein, sich schnell – praktisch zwischen zwei Buchdeckeln eingepasst – über wesentliche Züge seiner wissenschaftlichen Lebensarbeit informieren zu können. Unsere Motivation, den vorliegenden Band zu realisieren, war eine gänzlich andere und ist vielmehr aus dem Wunsch hervorgegangen, dass die vielfältigen und streitbaren Einlassungen Helmars in ganz unterschiedliche Themenbereiche, bislang in diversen Publikationen verstreut, auf diese Weise nicht aus dem Blick geraten, sondern dass seine Stimme weiterhin laut und wahrnehmbar bleibt. Gerade angesichts der zu diesem Zeitpunkt noch kaum einschätzbaren Bedrohungen eines aufsteigenden postfaktischen Zeitalters sind seine stets aus historischen Tiefendimensionen heraus entwickelten Analysen politischer Öffentlichkeiten, der Theatralität alltäglichen Verhaltens sowie der Wirksamkeit von epistemologischen Blickschranken und symbolischer Gewalt von allergrößtem Wert. Einerseits erweisen sie sich als ein scharfes Instrument im Begreifen von gesellschaftlichen Langzeitprozessen und können damit – ganz im Sinne Bertolt Brechts – als Orientierung für die sich stellenden politischen Herausforderungen dienen. Andererseits stellen diese Analysen zugleich eine wichtige Mahnung an die gegenwärtigen Geisteswissenschaften dar, sich nicht immer weiter aus der Gesellschaft in ihre angestammten und gut abgesicherten Reiche zurückzuziehen, um dort im Sinne von Gilles Deleuze und Félix Guattari als Königin zu herrschen – wie Helmar in den letzten Jahren mit wachsender Sorge festgestellt hat. Stattdessen sind sie aufgefordert, sich den alltäglichen Gefahren des politischen Lebens auszusetzen, nomadenhaft und marodierend durch die Straßen der Welt zu ziehen, um der normierenden Gewalt neoliberaler Ökonomien Widerstand zu leisten und alternative Denk- und Lebensstile zu entwerfen: „So sind denn auch wissenschaftliches Arbeiten und situationsgerechtes politisches Agieren bis ins kleinste einander verbunden, durchdringen einander in praktischem Verhalten, in Wahrnehmungsweise und Denkart.“ (S. 69)

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