Die Zukunft der Oper

Eine Einleitung zum langjährigen Forschungsprojekt der Kunstuniversität Graz

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Hier steht die Quelle des Buches
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Das Forschungsprojekt setzt bei der Analyse eines heute dominierenden Inszenierungsstils in der Oper an. Es geht um das Gros der Inszenierungen im deutschsprachigen Raum, für die ich den gängigen Begriff des Regietheaters verwenden möchte – auch der Begriff des Regisseurs-Theaters wird heute zuweilen benutzt. Die Gemeinsamkeiten der nach außen sich unterschiedlich gebenden Inszenierungsstile legen diese Kategorisierung nahe. Ausführlich wird hierüber weiter unten die Rede sein. Die Frage ist, ob das Regietheater in seiner heutigen Form nach wie vor ein adäquater Ausdruck unserer Zeit ist. Das Regietheater, das in den siebziger Jahren mit einer radikalen Neuerung im Umgang mit den Opernpartituren begann und dabei kräftige Impulse freigesetzt hat, scheint nach einer dreißigjährigen Entwicklung erlahmt und zur Routine verflacht. Das heutige Regietheater hat mit den künstlerischen Innovationen von damals kaum mehr etwas gemeinsam.

Unsere Untersuchungen im Rahmen des Forschungsprojektes haben vor allem die Mittel der Regie und der Inszenierung im Blick und weniger Mozarts Werk Così fan tutte selbst, das im Rahmen des Projektes von drei Inszenierungsteams erarbeitet wurde. Im Fokus der Auseinandersetzung steht die gegenwärtige künstlerische Praxis im Umgang mit der Partitur einer klassischen Repertoire-Oper. Im Wissen darum, dass es zeitgenössische Musiktheaterkompositionen und verschiedenste musiktheatrale Formen gibt, die sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben, beschränkte sich unser Forschungsvorhaben bewusst auf das klassische Repertoire, das weite Teile der europäischen Opernlandschaft beherrscht und darum nach größter Aufmerksamkeit verlangt.

Die Präsentation der drei Così fan tutte-Inszenierungen in Berlin wurden von einem Symposion begleitet, in dem zahlreiche Themenbereiche und Fragestellungen, die uns während des zweijährigen Forschungsprojektes beschäftigt haben, diskutiert wurden. Die Beiträge hierzu finden sich in diesem Buch versammelt.

Im Zentrum der Debatte stand und steht die Arbeit des Regisseurs. Ihm kommt die Aufgabe zu, den auserwählten Werken des Opernrepertoires immer wieder neues Leben einzuhauchen.

Die Kunst der Regie

Die Opernregie ist als eine interpretierende Kunst definiert, die sich primär mit bereits vorhandenem, älterem Material auseinandersetzt. Die Meinungen darüber, ob dieser Regiearbeit überhaupt ein Kunstcharakter zuzusprechen sei, sind darum keineswegs einhellig.

Es gibt Regisseure, die bestrebt sind, eine klassische Oper in einem werkgetreuen Sinn zu realisieren. In Gegenbewegung zu einer sich unhistorisch gebenden Gegenwart liegt hier der Fokus auf der Rekonstruktion von Vergangenem. Auch wenn der museale Charakter der Lebendigkeit einer darstellenden Kunst, wie sie die Oper unleugbar ist, zuwiderläuft und diesem Zugriff oft ein naives Geschichtsverständnis zugrunde liegt, greift diese Tendenz zur Historisierung merklich um sich und würde eine gesonderte Betrachtung verdienen.

Einigkeit herrscht allgemein darüber, dass Opernwerke einer Realisierung auf der Bühne bedürfen, um überhaupt existent zu sein (eine Tonaufnahme leistet das nur eingeschränkt, von den Notenblättern einer Partitur ganz zu schweigen). Die Realisierung einer Opernaufführung findet zudem immer im Jetzt, in unserer Gegenwart statt. An älteren Inszenierungen erkennt man sofort den Geschmack einer bestimmten Zeit. Mit Zeitgenossenschaft haben diese äußerlichen Merkmale allerdings nichts zu tun – siehe dazu das Gespräch „Die Theorie und die Darstellenden Künste“.

Die Mehrzahl der Regisseure definiert ihre Arbeit über eine individuelle, engagierte, dem Werk gegenüber verpflichtete Interpretation einer Partitur. Diese ist gemeinhin darauf angelegt, einen neuen, interessanten Blick auf ein Werk zu entwickeln, teils auch einen gegenwärtigen Bezug im Alten zu finden. Der Regisseur schafft so eine originelle Lesart der Oper. Die meisten Regisseure heute wollen auch verstanden werden. Ihre Interpretationen werden darum von ästhetischen Entscheidungen getragen und bestimmt, die ihre Intentionen lesbar machen.

Das Selbstverständnis dieser Regiepraxis erklärt auch, warum der Regie bei einer Opernaufführung eine so zentrale Rolle zukommt. Durch sie wird das Verhältnis von Szene und Musik definiert: So gewinnen Orchestersprache und Gesang, je nachdem, wie komplex oder banal ein szenischer Vorgang gestaltet ist, gewissermaßen reziprok dazu eine hohe Komplexität, können aber auch zu einem seichten musikalischen Ereignis verflachen oder aber zu einem bloßen Soundtrack verkommen. Dies stellt nebenbei bemerkt den in der Fachwelt absolut gesetzten Kunstanspruch, der hinsichtlich der uns überlieferten Partituren der Opernliteratur für sakrosankt gilt, zuweilen auch in Frage.

Die sinnlichen und kognitiven Wahrnehmungsprozesse des musiktheatralen Geschehens gehen unmittelbar mit dem einher, was durch die Inszenierung intendiert und in Hinblick auf ein Publikum bewusst gesteuert wird. Gefragt ist hier vor allem gutes Handwerk, die gelungene Umsetzung eines Werkes auf der Bühne (siehe das Gespräch mit den Regisseurinnen und Regisseuren).

Die Merkmale des Regietheaters

Vier Hauptmerkmale kennzeichnen den internationalen, vom Regietheater geprägten Stil: Fokus auf eine nachvollziehbare und linear erzählte Geschichte, Psychologisierung der Handlung und der Figuren, zumeist Aktualisierung (vor allem in der optischen Realisierung) und Ausrichtung der Parameter der Inszenierung wie Bühne, Kostüme, Personenführung und Gesang auf eine konsequente, klar lesbare Gesamtaussage hin. Voraussetzung ist die Verpflichtung der Regisseurinnen und Regisseure zur Deutung des auf dem Spielplan stehenden Werkes. Ein postulierter „Sinn“ des Werkes soll immer den Bezugspunkt bilden und in einer Deutung erschlossen und interpretiert werden.

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