„Sie hat den Kopf eines Grenzpolizisten und das Herz eines Flüchtlingshelfers“

Thomas Bärnthaler und Malte Herwig besuchen Frontex. Gespräch am 3. Oktober 2015

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Bisky: Bemühen Sie sich ein wenig zu erfahren, was Sie nie wissen können – den Satz haben wir gerade in der Aufführung gehört. Nun wollen wir es versuchen. Ich freue mich, mit zwei erfolgreichen Kollegen sprechen zu können: Malte Herwig hat einige Bücher geschrieben, darunter eines über die Flakhelfergeneration und eine Peter- Handke-Biographie. Thomas Bärnthaler arbeitet seit vielen Jahren im Magazin der Süddeutschen Zeitung. In diesem Magazin haben die beiden im Juli des vergangenen Jahres eine Reportage über die Agentur Frontex veröffentlicht. Frontex ist eine Abkürzung des französischen Terminus für Außengrenzen. Die offizielle Bezeichnung werde ich mir wahrscheinlich bis ans Ende meines Lebens nicht merken können, die lautet nämlich „Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union“. Sie merken, zweimal europäisch, darüber werden wir dann noch reden müssen. Es handelt sich um eine Behörde. Nach meinen Erfahrungen im Umgang mit Behörden würde ich sagen, sie neigen alle, selbst wenn es dabei nicht um Leben und Tod geht, dazu, immer mal wieder Anfälle von nordkoreanischer Informationspolitik zu bekommen. Wie kompliziert, Herr Bärnthaler, ist es, einen Termin bei Frontex zu bekommen? Haben Sie da einfach angerufen und die haben gesagt: Ja, klar, kommen Sie mal vorbei?

Thomas Bärnthaler, Malte Herwig und Jens Bisky (v.l.n.r.), Foto Rolf Arnold
Thomas Bärnthaler, Malte Herwig und Jens Bisky (v.l.n.r.), Foto Rolf Arnold

Bärnthaler: Erstaunlicherweise war es tatsächlich so. Ich hab mir das auch schwieriger vorgestellt. Die Flüchtlingsproblematik ist ja nicht neu, sie hat sich nur jetzt zugespitzt, aber war auch schon im vergangenen Jahr sehr virulent. Wir haben alle die vielen Geschichten gelesen, die über das Drama im Meer und an den Küsten berichtet haben, aber nur wenige Geschichten aus der Schaltzentrale. Da habe ich dann eine E-Mail an Frontex geschrieben, an die Pressestelle; dann ging es ein bisschen hin und her und ziemlich schnell bekamen wir einen Termin.

Bisky: Und dann sind Sie nach Warschau gefahren, wo die Agentur sitzt. Wie muss ich mir das Ambiente dort vorstellen? Sieht das aus wie ein Einwohnermeldeamt oder wie eine CSI-Miami-Landschaft? Was ist da zu sehen?

Bärnthaler: Frontex sitzt in Warschau in einem glitzernden Turm, einem verspiegelten Wolkenkratzer. Als ich zum ersten Mal dort war, wurde mir gleich gesagt, dass sie bald umziehen werden. Der Chef hat mir von seinem Fenster aus noch das neue Haus gezeigt, wieder ein gläserner Turm, etwa einen Kilometer entfernt. Frontex nimmt drei, vier Stockwerke ein. Man geht da rein, muss sich natürlich ausweisen, muss durch eine Sicherheitsschleuse wie beim Flughafen – und dann sieht es da aus wie in jeder Behörde. Da ist Teppichboden, es sind relativ langweilige Büros, die aussehen wie ein Polizeibüro. Dort arbeiten ja vor allem Grenzpolizisten. Landkarten hängen an den Wänden, auf den Schreibtischen sieht man Trophäen und Dienstmarken.

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