Theater für die Postmoderne

Freies Theater und die Modernisierung der deutschen Theaterlandschaft

von

… dass das Politische des Theaters gerade nicht als Wiedergabe, sondern als Unterbrechung des Politischen zu denken sein muss.1

Der Überblick über die Entstehungsgeschichte des Freien Theaters in Deutschland zeigt die Herausbildung seiner Formen und Strukturen als einen widersprüchlichen nicht linearen Prozess, in dem es sich als Parallelsystem zum Stadt- und Staatstheater herausbildet und konsolidiert. Seine besondere Bedeutung besteht darin, dass damit sehr spät auch in Deutschland die Grundlagen für die Ausbildung jeder Form der Theaterpraxis und -institutionen entstehen, die als zeitgenössisches, postmodernes Theater international – vor allem im westlichen Ausland – bereits seit dem Zweiten Weltkrieg im Schwange sind. Entwicklungen, die im Geltungsbereich des „deutschen Systems“ der Stadt- und Staatstheater über Jahrzehnte hinweg blockiert sind. Diese Blockaden reichen weit bis in das 20. Jahrhundert zurück.

Der historische Kontext. Restauration und kulturelle Rückständigkeit2

Sowohl die Zäsur des Ersten Weltkrieges, vor allem aber der Machtantritt der Nationalsozialisten und ihre Herrschaft haben im deutschen Kulturraum die Umsetzung der Impulse der künstlerischen und strukturellen Modernisierung der Theaterkunst und des Theaters be- und verhindert, die mit der Wende zum 20. Jahrhundert aufgebrochen waren. Diese Modernisierungsimpulse entstanden vielfach im deutschen Sprach- und Kulturraum: Die Dadaisten, Kurt Schwitters, Oskar Schlemmer, das Regietheater Max Reinhardts, das politische Theater Erwin Piscators, das epische Theater und die Lehrstücke Bertolt Brechts um nur einige Beispiele zu nennen, aber auch die neuen Entwicklungen der Tanzkunst im Gefolge von Rudolf von Laban, Kurt Joos, Mary Wigman und Gret Palucca oder die im Festspielhaus von Dresden- Hellerau praktizierten Neuansätze der Bühnenkünste mit Émile Jacques-Dalcroze oder Adolphe Appia.3

Mit dem verlorenen Ersten Weltkrieg, den revolutionären Bewegungen der Arbeiterschaft, der erzwungenen Abdankung von Monarchen und Fürsten und der Schaffung republikanisch verfasster Staatsstrukturen nehmen das liberale Bürgertum und die gemäßigte sozialdemokratische Arbeiterschaft in Deutschland die Aufgabe der Durchsetzung der Republik und der Überwindung der Klassenspaltung an. Dabei kommt der Vielzahl von Hof- und Stadttheatern aus der Zeit der Kleinstaaterei eine bedeutende Rolle zu: Es wird das engmaschige System von kommunal oder staatlich getragenen Theateranstalten4 geschaffen, mit dem Bildungsauftrag, im Sinne Friedrich Schillers der Allgemeinheit Theaterkunst als Inbegriff von Kultur und „Zivilisiertheit“ anzubieten. Das Ideal der sittlichen Erbauung der ganzen Gesellschaft zur „Nation“ (wie Schiller schreibt) durch die „gute stehende Schaubühne“ als „moralische Anstalt“5 scheint besonders zur Aufgabe der kulturellen Integration der Arbeiterschaft – im Sinne ihrer Hinführung zur gebildeten Kultiviertheit des Bürgertums – zu taugen6, was die umfängliche Übernahme der Häuser in öffentliche Verantwortung und Finanzierung begründet und legitimiert. Damit entsteht das vielfältigste und zumindest materiell reichste Theatersystem der Welt, das aber vor allem der kulturellen Bildung und Integration der Gesellschaft gewidmet ist. In diesem Sinne steht die Pflege des literarischen Kanons der dramatischen Kunst und seiner Präsentation in der Organisationsform des Ensemble- und Repertoiretheaters im Zentrum seiner Zweckbestimmungen.

Dieses System und sein Umfeld sind auch die Basis für Ansätze der Modernisierung und Politisierung der Theaterkunst, deren Protagonisten aber nach 1933 in Deutschland ihre Arbeitsmöglichkeiten verlieren und, auch persönlich bedroht und aus der völkischen Mehrheitsgesellschaft ausgestoßen, das Land verlassen. Einige von ihnen verfolgen, so gut es eben außerhalb des deutschen Sprachraumes möglich ist, ihre künstlerischen Bestrebungen in der Emigration weiter, vielfach in den USA, wo Brecht und Erwin Piscator und andere Emigranten Aufnahme finden. Zumal im Falle Piscators, der in New York den „Dramatic Workshop“ aufbaut und bis 1951 betreibt, trägt seine Exilierung außerhalb Deutschlands zu jenen Entwicklungen neuer Theaterkunst bei, die dann in den 1950er und 1960er Jahren in Form von Gastspielen ausländischer Truppen – wie zum Beispiel des Living Theatre – in Deutschland Aufsehen erregen.7 Doch auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Befreiung vom Nationalsozialismus bleiben die Bedingungen für künstlerische und strukturelle Modernisierungen des Theaterwesens in Deutschland schwierig. Zwar haben die Theater sowohl in der östlichen wie auch in den drei westlichen Besatzungszonen und nach 1949 in den beiden deutschen Staaten große Bedeutung für den Wiederanschluss an die Vorkriegskultur der Aufklärung und einer demokratischen Gesellschaft. Aber mit dem Kalten Krieg und dem Eisernen Vorhang, die schon von 1946 an Deutschland teilen, wird das Theater zunehmend zum Instrument und zum Feld ideologischer Systemauseinandersetzungen. Während in der sowjetischen Besatzungszone nach einer kurzen Phase eines demokratischen Antifaschismus der Arbeiter- und Bauernstaat DDR nach sowjetisch-kommunistischem Vorbild aufgebaut wird, entsteht in den Westzonen nach einer kurzen Phase der „Entnazifizierung“ von oben die Demokratie nach westlichem Vorbild, gestaltet vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit der Weimarer Reichsverfassung. Mit massiver Finanzhilfe vor allem aus den USA wird das kapitalistische Wirtschaftssystem, ergänzt durch die Fortschreibung der Errungenschaften der deutschen Sozialsysteme, restauriert.

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