Extrem unwahrscheinlich

Haslach und Finkenschlag – Die Langzeit bespielung eines Stadtteils und der nicht zu ersetzende menschliche Faktor

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Langzeitbespielung des Freiburger Stadtteils Haslach 2010 – 2013 mit „Haslach – deine Heimat“, „Finkenschlag“, „Gutleutmatten“ und der Performance im Großen Haus „Showtime Finkenschlag“. Foto: Maurice Korbel
Langzeitbespielung des Freiburger Stadtteils Haslach 2010 – 2013 mit „Haslach – deine Heimat“, „Finkenschlag“, „Gutleutmatten“ und der Performance im Großen Haus „Showtime Finkenschlag“. Foto: Maurice Korbel

Es begann mit „Hit & Run“, bei dem eine Tänzer-Action-Einheit auf zwei Motorrädern im Geiste Luke Skywalkers durch die Stadt heizte. Eine Wohnung, ein ritueller Laserschwertkampf, das Ziel: die Performance. Von 2006 bis 2012 hieß die Tanzsparte am Theater Freiburg pvc: physical virus collective, ein kleines Ensemble von neun festen Mitarbeitern, darunter fünf Tänzerinnen und Tänzer, anfänglich unter der Leitung des Choreografen Joachim Schlömer gemeinsam mit dem späteren Leitungsteam aus Graham Smith, Tänzer und Choreograf, Tom Schneider, Regisseur, Inga Schonlau, Dramaturgin, und Johannes Kasperczyk, Manager. Hinzu kamen in einzelnen Produktionen viele assoziierte, ansonsten aber frei in der internationalen Tanzszene fluktuierende Kollegen.

pvc hat sich nicht nach dem ganz großen Plan, nach einem vollendeten künstlerisch-ästhetischen Konzept vollzogen. Die Gründer von pvc gaben sich vielmehr ein paar Aufträge, unter anderem: die radikale Öffnung institutioneller Grenzen, die Infragestellung von Heiligkeiten sowie die Mission, sich viral weiterzuentwickeln und den „Geist des Tanzes“ ausgehend von der kleinen Tanzgruppe immer weiter auszubreiten. Vielleicht ist die mission nicht accomplished, vielleicht wirkt sie noch fort. Neben Bühnenproduktionen, die oft Schauspiel und Tanz zusammenführten, wurde von Anfang an viel mit kleinen Aktionen und Performances im Stadtraum experimentiert. Es gab Bootlegs, Tanzraubkopien von bekannten Tanzstücken mit Laien, es wurden monatlich Milongas angeboten, bei denen die Community vom Bühneneingang bis zum Tanzstudio im vierten Stock Schlange stand. Es gab Tanztelegramme, die von Zuschauern ersteigert werden konnten. Wir tanzten Line Dance auf den Fluren und mit den Mitarbeitern des Arbeitsamts. Und mindestens zweimal pro Woche zogen zwanzig bis dreißig Jugendliche vom Tanzstudio im vierten Stock aus los in die Stadt, um l’art du déplacement zu feiern. Auch im Theater fügten die Jugendlichen der klanglichen und atmosphärischen Mischung aus Gesangsübungen, Wort- und Schreifetzen aus der Schauspielprobebühne Schweiß und Rhythmus der Konditionsübungen in Fluren und an Geländern hinzu.

pvc verstand sich von Anfang an als eine Art künstlerisches Aktionsbündnis, mit einem zeitgenössischen Verständnis von Tanz und einem Hang zur Folklore und der Lust, sich auf unsicherem Terrain zu bewegen. Neue Tänzer plumpsten nicht selten schonungslos ins kalte Impro-Wasser, aber auch ins „German Stadttheater“, wie Gavin Webber, Grayson Millwood, Kate Harman, Sumi Jang oder Tommy Noonan zu sagen pflegten. Damit meinten sie nicht zuletzt eine diskursiv höchst anspruchsvolle Dramaturgie, mit Interesse an „Tiefenbohrungen“, uaaahh anstrengend, die ein phänomenal anderes Bild sowie ein anderes Förderund Forderinteresse erzeugte als jene Kulturproduzenten, die ihnen aus dem internationalen Transfermarkt bekannt waren.

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