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Kaisers Sprechstunde

Wir müssen reden! Bad-Practice-Beispiele aus elf Jahren Junges Theater Freiburg. Eine Bestandsaufnahme für eine produktive Zukunft

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Als künstlerischer Leiter des Jungen Theaters befinde ich mich häufig auf Fachtagungen und Kongressen zu den Themenfeldern „Kulturelle Bildung“ und „Interkulturelle/soziokulturelle Theaterarbeit“. Regelmäßig finden sich auf der Agenda solcher Zusammenkünfte Programmpunkte, in deren Rahmen Best-Practice-Beispiele vorgestellt werden, also Unternehmungen, denen aufgrund ihres Erfolgs Modellcharakter zuzusprechen wäre. Aufzuzeigen, dass kollaborative Produktionen, die von Kindern und Jugendlichen aktiv künstlerisch gestaltet werden, erfolgreich sind, dass sie im Haus und in der Stadt wahrgenommen werden, dass die Presse darüber berichtet, dass die Eltern positives Feedback geben, dass die Evaluation aufzeigt, welche Erlebnisse und Fortschritte die Teilnehmenden gemacht haben – all das ist zweifelsfrei gut, richtig und wichtig. Dennoch denke ich in den letzten Jahren verstärkt darüber nach, ob es uns Kunstschaffende nicht weiterbrächte, würden wir in der Selbstpräsentation verstärkt parallel darauf blicken, was nicht funktioniert hat: Wenn ich meine Arbeit vorstelle und, jenseits des Anekdotischen am Rande, von den Fallstricken, den konzeptionellen Fehlentscheidungen, von Kommunikationsproblemen und kulturell bedingten Missverständnissen berichte, ermögliche ich Kolleginnen und Kollegen, diese Punkte bei ihrem nächsten Vorhaben im Blick zu behalten und auf die Erfahrungen zurückzugreifen, die andernorts bereits gemacht wurden.

„Die Unbeschulbaren“, Theater Freiburg. Foto Maurice Korbel
„Die Unbeschulbaren“, Theater Freiburg. Foto Maurice Korbel

Natürlich fällt es schwer oder ist gar schmerzhaft, ein Großvorhaben, an dem man monatelang intensiv gearbeitet hat, am Ende mit Worten wie „Schieflage“ oder „gescheitert“ zu belegen, vor allem, wenn die Premiere noch nicht allzu lange zurückliegt. Und selbstverständlich möchte man als Künstlerin und Künstler auch nicht als diejenige Person in Erinnerung bleiben, die misslungene Projekte auf die Bühne bringt; zumal der Druck, „erfolgreich“ zu sein, häufig groß ist – beispielsweise im Hinblick auf Folgeengagements oder den nächsten Förderantrag.

Am Theater Freiburg war ich in der vergangenen Dekade in der prädestinierten Position, in einem Umfeld zu arbeiten, das Scheitern als Möglichkeit immer zugelassen hat. Wenn es in einer Produktion Probleme gab, haben wir nicht nach Schuldigen gesucht, sondern den Versuch unternommen, unseren Erfahrungsschatz zu vergrößern und aus den vermeintlichen Verfehlungen für die Zukunft zu lernen. Überhaupt war die Arbeit des Jungen Theaters in den ersten Jahren durch Trial-and-Error-Prinzipien geprägt: Wir haben unsere Aktivitäten immer als Suchbewegung verstanden und das Theater als einen Möglichkeitsraum, in dem alles und nichts zustande kommen kann.

Nach elf Jahren in dieser Stadt und an diesem Haus blicke ich auf Hunderte Klein- und Großprojekte, die wir im Theater und im Stadtraum realisiert haben – und natürlich wäre der erste Impuls, die Highlights, die Glanzlichter und die Leuchttürme zu fokussieren. Gemäß der oben skizzierten Prämisse werde ich das jedoch nicht tun und stattdessen andere Dinge in den Mittelpunkt rücken: die offenen Fragen, die ich an uns als Institution und an die Arbeit des Jungen Theaters habe; Punkte, an denen wir von unseren eigenen Idealen abgewichen sind; Vorgehensweisen und Konzepte, die uns eher zurückgeworfen als vorangebracht haben.

Mit dem zeitlichen Abstand kann ich das tun, kann über Bad-Practice-Beispiele berichten – dabei stets auch das Motto „Tragödie + Zeit = Komödie“ im Hinterkopf. Den Humor zu bewahren, sich selbst und das Theater nicht als den Nabel der Welt zu betrachten und Verfehlungen offen zu begegnen, halte ich ohnehin für elementare Strategien in meinem Arbeitsfeld.

Als wir 2006 in Freiburg ankamen, hatten wir das Ziel, die Stadt mithilfe des Theatersatelliten „Orbit“ kennenzulernen. Das begehbare Raummodul reiste von der Peripherie ins Zentrum und diente uns als eine Art Suchmaschine. Der „Orbit“ war nicht als Außenspielstätte konzipiert, sondern als ein Ort, an dem Künstlerinnen und Künstler unterschiedlicher Disziplinen den Menschen der Stadt begegnen konnten. Aus diesen Begegnungen und künstlerischen Prozessen destillierten wir Themen und Projektideen, die in den Spielplan einflossen. Als Gegenstück im Theater richteten wir den Werkraum als offenes Atelier für junge Menschen ein. In ihm spiegelten sich die Ereignisse wider, die unser Satellit auf seinen Ausflügen sammelte. Diese Vorgehensweise erscheint mir auch heute noch genau richtig: Wir kamen als Fremde und mussten die Stadt zunächst erkunden und uns erschließen.

Die Mission im Jungen Theater lautete für mich immer, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit ihren spezifischen Fragestellungen und im Hinblick darauf, dass sie in einer sich rasant verändernden Welt aufwachsen, ernst zu nehmen und herauszufinden, welche Themen ihnen wirklich auf den Nägeln brennen. Das erfahre ich nicht, wenn ich in meinem Büro sitze, gewissenhaft Stücktexte von Gegenwartsautoren lese und mit meinem Team darüber spekuliere, welchen Stellenwert das Theater für junge Menschen haben mag.

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