Sein und Nichtsein

Boris Nikitin im Gespräch mit Martin Weigel

von und

martin weigel: Boris, in deiner Arbeit „How to win friends & influence people“ predigte der Schauspieler Matthias Breitenbach in der Freiburger Mormonenkirche zu einem Publikum aus Gemeindemitgliedern und Kunstinteressierten darüber, dass der größte Glaube derjenige an eine Fiktion sei, in vollem Wissen darum, dass es sich um eine Fiktion handelt. Aus welchen Überzeugungen speist sich deine Arbeit? Wie bist du künstlerisch geprägt?

Boris Nikitin. Foto Tobias Brenk
Boris Nikitin. Foto Tobias Brenk


boris nikitin: Mich interessiert seit jeher das, was sich in meinem Kopf abspielt: Wie kann ich meine Gedanken veräußern, damit ich sie mir anschauen kann? Ich hab’ in Gießen studiert. Das Studium dort ist sehr auf Kooperation ausgelegt, auf wechselseitige Kritik und „do it yourself“. Die Lehre dort reguliert sich gewissermaßen selbst, weil sie darauf beruht, dass es keine Schauspielerinnen und Schauspieler gibt. Das bedeutet, dass man immer das Problem lösen muss, wer da auf der Bühne steht. Im Studium habe ich zuerst viel im Kollektiv gearbeitet. Eigentlich war ich immer unglücklich damit, konnte mir das aber erst nach vier Jahren eingestehen. Ich kann mich erinnern, wie ich mit meinem Professor Heiner Goebbels perspektivisch über meine Diplominszenierung gesprochen habe. Er war überrascht, hat geschmunzelt und gefragt, ob ich nicht lieber eine schöne Diplomarbeit schreiben möchte.
Ich hatte tatsächlich bis dahin keine einzige für mich befriedigende Produktion gemacht und sagte mir: Ich gebe mir jetzt eine allerletzte Chance. Allerdings unter mehreren Bedingungen: Erstens will ich nicht kollektiv arbeiten. Zweitens habe ich beschlossen, meine innere und äußere Opposition gegen die Ästhetik von Goebbels, die ich als zu clean, zu unpolitisch empfand, zu beenden. Ich hatte gemerkt, dass meine Antihaltung eine absolute Abhängigkeit erzeugt, dass diese opponierende Haltung mich zudem nichts oder zu wenig kostet. Uninteressant kann man ja alles finden. Ich habe versucht, gelassener zu sein, und dann diesen „Woyzeck“ begonnen. Ich hatte mich entschieden, nur mit einem einzigen Darsteller zu arbeiten. Ich wollte mich völlig konzentrieren und nicht auf der Probe fünf Leute am Hals haben, die ich entertainen muss. Dann sind Malte Scholz, den ich als Performer angefragt hatte, und ich auf die Probebühne gegangen, haben komische Sachen probiert, abstrakte Bewegungen, lustiges Auf-dem-Boden-Herumrobben, Sich-mit-Klebeband-Einwickeln, was man halt so macht: verzweifelte Improvisation. Ich saß da und habe mich gefragt: Was machen wir hier? Ich fühlte mich total schlecht und spürte etwas, das jeder kennt, immer wieder erlebt und selten ausspricht: Wir tun hier gerade so, als würden wir Probe machen, aber es ist offensichtlich, dass keiner eine Idee hat. Es herrscht eine totale Leere, weil es irgendwie peinlich ist und unangenehm und man sich da so durchkrampft. Und dann fand ich das plötzlich interessant: Was will eigentlich solch ein Probenraum von einem? Was für eine Erwartung bringt er mit? Wie befreie ich mich von diesem Zwang, kreativ und originell sein zu müssen? Was Malte machte, war wahrscheinlich sogar kreativ und originell, aber ich konnte es nicht lesen, es hatte mit meinem Leben nichts zu tun. Ich habe zu ihm gesagt: Malte, lies bitte noch einmal mein Konzept, lies es einfach durch. Am nächsten Tag habe ich ihn gebeten: Und jetzt erklär mir das Konzept. Stell dich an den Bühnenrand und halte eine Einführung. Das hat er gemacht, und ich fand es super. Dieses Bevor-es-losgeht, dieser Moment des Noch-nicht-Losgehens, ist seither ein wichtiges Tool für mich.

Den Erwartungsdruck, den du vom Proberaum beschreibst, bringt die Institution Stadttheater, in der ich arbeite, strukturell geballt mit: Wenn ich eine Probenphase beginne, gibt es schon lange einen verabredeten Spielplan, der durch einen subventionierten Apparat umgesetzt wird, innerhalb dessen ich für meine Arbeit monatlich bezahlt werde. Das ist für mich allgegenwärtig. Was erwartest du eigentlich von einem Schauspieler? Kannst du mit meinem Berufsstand überhaupt etwas anfangen?
Ich arbeite zwar nicht kollektiv, aber doch sehr kollaborativ. Ohne das, was die Darsteller in die Arbeit hineingeben, würden meine Abende nicht existieren. Egal ob Schauspieler oder Performer – sie repräsentieren darin immer auch sich selbst. Das ist für sie auch ein Risiko. In „Hamlet“, meinem jüngsten Stück, ist Julian Meding gleichzeitig er selbst und nicht er selbst. Der Beruf des Schauspielers ist für mich auch eine politische Metapher oder sogar eine politische Praxis: ein anderer sein zu können. Es geht eigentlich nicht um Sein oder Nicht-Sein, sondern es geht um Sein und Nicht-Sein zugleich. Die Möglichkeit, man selbst sein zu können, existiert nur dann, wenn auch die Möglichkeit besteht, nicht man selbst zu sein. Wenn man diese Möglichkeit nicht hat, dann ist das Selbst-Sein eben kein Können, sondern ein Müssen. Dann ist es alternativlos. Das ist für mich auch das Problem an der Performance und am Dokumentarischen. Wenn Performer oder Experten einfach sie selbst sind, dann führt das in die Ausweglosigkeit der Identität: Endstation du selbst. Wenn die Performance oder das Dokumentarische mal als strukturelle Befreiung vom Schauspiel galten, wie befreit man dann die Performance oder das Dokumentarische nun von sich selbst? Vielleicht wieder mittels Schauspiel, der Möglichkeit des Anderen …

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