Wo die Vertreter einer optimistischen Anthropologie im 18. Jahrhundert die instinktive Mitleidsfähigkeit des Menschen hervorhoben, argumentieren ihre heutigen Nachfolger kognitions- oder neurowissenschaftlich und bevorzugen den Begriff der Empathie. Nur selten wird freilich darauf hingewiesen, dass Menschen in der Regel über effiziente Mechanismen zur Vermeidung von Einfühlung verfügen und ihre Bereitschaft zur Einnahme oder Übernahme fremder Perspektiven im Alltag höchst begrenzt ist. Weil dies so ist, gibt es in unserer Gesellschaft Institutionen und Spezialisten, zu deren Aufgaben es gehört, sich in Personen hineinzuversetzen, denen gegenüber von einer allgemeinen Bereitschaft zur Perspektivübernahme nicht ausgegangen werden kann.

„Infame Perspektiven“ – Die Installation, Foto Niklas Harmsen.
„Infame Perspektiven“ – Die Installation, Foto Niklas Harmsen.

Wie können wir uns in Perspektiven hineinversetzen, die uns unangenehm sind? Können wir uns in Personen und Figuren hineindenken, die wir ablehnen?

Damit sind nicht die heldenartig bösen Figuren gemeint – nicht die „großen Verbrecher“ oder die teuflischen, größenwahnsinnigen, dilemmatischen oder gar tragischen Figuren –, sondern zunächst die peinlichen, schamvollen, unmoralischen, ekelhaften, vermeintlich monströsen oder unmenschlichen. Solche, die wir uns nicht vorstellen können und wollen, mit denen wir lieber nichts zu tun haben wollen. In-fam ist, was keine Fama hat, worüber nicht oder nicht gerne gesprochen wird. Und doch scheinen selbst derart infame Perspektiven bisweilen auch attraktiv oder gar faszinierend zu wirken.

Einerseits gibt es offenbar nichts, was nicht in irgendeiner Weise vorstellbar ist. Der Phantasie scheinen auch im Bereich des Infamen keine Grenzen gesetzt zu sein. Andererseits zeugen einige der hier versammelten Beiträge und Dokumente von der Erfahrung, dass die Wirklichkeit mitunter über das Vorstellbare hinausgeht. Vor allem aber zeugen sie davon, dass die individuelle Bereitschaft, sich etwas vorzustellen, ihre Grenzen hat. Als besonders infam – auch das zeigen die Materialien in diesem Band – werden regelmäßig solche Figuren empfunden, denen selbst jedes Vermögen zu fehlen scheint, die Perspektive anderer zu übernehmen oder gar Empathie zu haben. Besonders empört verweigert man die Übernahme der Perspektive jener, die diesen Akt selbst verweigern oder nicht dazu in der Lage sind.

Das Projekt Infame Perspektiven umfasste ein Experiment, eine Aufführung und ein interdisziplinäres Symposion. Sein Ziel war es, mittels dieser drei unterschiedlichen Instrumente die gleichen Fragen zur Diskussion zu stellen: Wie ist es möglich, eine infame Perspektive zu übernehmen? Wer leistet eine solche Perspektivübernahme? Welche Strategien sind dazu geeignet? Wo liegen die Grenzen? Und wie gelingt die Abgrenzung, wie der Ausstieg aus einer solchen, mitunter bedrohlichen Perspektive? Angesichts der Tatsache, dass man es dabei in der Regel mit belastendem Material zu tun bekommt, stand im Hintergrund natürlich die Frage, wozu es eines solchen Aktes des Sich-hinein-Versetzens überhaupt bedarf. Ist es nicht für die meisten gesellschaftlichen Praktiken ausreichend, fremde Handlungen und Standpunkte zu erklären oder zu bewerten? Bietet der Versuch der Perspektivübernahme eine zusätzliche Möglichkeit, sie zu verstehen und zu beurteilen?

Der vorliegende Band dokumentiert das dreigeteilte Projekt. Dieses brachte einerseits Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen zusammen. Es versuchte andererseits auch einen Brückenschlag zwischen künstlerischer und wissenschaftlicher Forschung. Während das Experiment Monate vor dem Symposion und der Aufführung durchgeführt wurde, damit Letztere bereits auf dessen Ergebnisse zurückgreifen konnten, wurden Aufführung und Symposion zeitlich miteinander verschränkt. Einige Tage lang sollten sich wissenschaftliche und künstlerische Formen der Verhandlung gegenseitig durchdringen.

Das Symposion Infame Perspektiven versammelte Vertreterinnen und Vertreter solcher Berufe, die in ihrer Praxis mit der Einnahme oder Analyse extremer Perspektiven zu tun haben: Schriftsteller, Schauspieler, Regisseure, Juristen, Psychiater und Psychologen sowie Wissenschaftler aus den entsprechenden Disziplinen. Ihnen allen stellten wir immer wieder dieselben zwei Fragen: Wann und wie macht es Ihre Tätigkeit erforderlich, „infame“ Perspektiven einzunehmen, und wie gehen Sie persönlich damit um?

Ein großer Teil der Gespräche auf dem Symposion kreiste um das, was üblicherweise als „Täterperspektive“ bezeichnet wird. Im Titel der Veranstaltung war allerdings nicht genau davon, sondern von infamen Perspektiven die Rede – womit der mehrdeutige, altertümlich klingende Begriff der „Infamie“ im Raum stand: ein Begriff, der in seiner historischen Bedeutung an vormoderne Rechtssysteme erinnert, in denen der „Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte“ eine reale – und gefürchtete – Sanktionsmöglichkeit darstellte;1 ein Begriff, der freilich in seinem heute geläufigen (gestischen) Gebrauch nur noch die energische Zurückweisung einer Zumutung signalisiert, die mit dem Selbstbild absolut unvereinbar ist – wobei der halbversunkene Begriff der persönlichen Ehre dabei uneingestanden durchaus noch eine Rolle spielen mag. „Infam“ ist also heute vor allem ein Abwehrbegriff, der nicht mehr den von der Gesellschaft verhängten Verlust von Achtung, Würde oder gutem Ruf bezeichnet, sondern vielmehr eine Handlung, die darauf zielt, diese Attribute anzutasten, und darum als Befleckung empfunden wird. Wobei diese befleckende Handlung stets eine symbolische ist. „Infam“ kann immer nur ein Wort sein (oder allenfalls eine zeichenhafte Handlung, die sich in Worte übersetzen lässt) – und zwar ein Wort, das hängen bleiben soll. Woran? Am Ich. „Infam“ ist das, womit ich um keinen Preis identifiziert werden will. Das kann ein falscher Name sein, ein falscher „Ruf“ in den verschiedenen Bedeutungen des Wortes oder auch eine falsche Position, ein symbolischer Ort, an dem ich um keinen Preis stehen will – eine Perspektive.

Diesen Begriff als Überschrift über ein Gespräch zu setzen, in dem tatsächlich die meiste Zeit nicht über irgendwelche perspektivischen Zumutungen, sondern konkret über die Perspektive von Straftätern geredet wurde – das wirkt zunächst einmal so, als sollte der Gegenstand des Gesprächs verschleiert werden. Die scheinbar wenig präzise Überschrift soll es jedoch ermöglichen, auch Aspekte der Sache ins Auge zu fassen, die die grell beleuchtete Figur des „Täters“ mit ihrem breiten Schlagschatten zu verdecken droht. Vor allem aber soll der Titel Infame Perspektiven vor dem Missverständnis bewahren, es wäre auch hier wieder, zum wer weiß wievielten Male, die Psychologie des Täters, die im Zentrum des Interesses stünde. Nein, im Zentrum stand die Psychologie der Übernahme seiner Perspektive – und die Frage, wie mit dieser Operation in den Sphären der Kunst und des Rechts sowie in anderen Bereichen der Öffentlichkeit umgegangen wird.

Es mag sein, dass die Perspektive des Täters oder Verbrechers per se ein Faszinosum darstellt. In der kriminologischen Literatur jedenfalls scheint dies achselzuckend akzeptiert zu werden: „The horror of violence meets the pleasure of the text“, schreibt Elana Gomel einigermaßen lakonisch.2 Auch die Verkaufszahlen einschlägiger Bücher, Filme, Spiele etc. sprechen eine deutliche Sprache. In der Literatur, im Theater, im Kino und auf allen Nachrichtenkanälen werden solche Perspektiven fast ununterbrochen und oft auf spektakuläre Weise durchgespielt.3 Und dennoch ist die Perspektive des Verbrechers nur eine unter vielen möglichen Extremperspektiven, mit denen das Bewusstsein experimentiert und von denen es sich zugleich zurückzieht – sei es erschrocken, sei es zornig oder angeekelt. Die offenkundige Faszination der Täterperspektive ist also Teil eines umfassenderen Problems. Sie stellt nur einen unter vielen vorstellbaren Extremfällen der allgemeinen Fähigkeit zur Perspektivübernahme dar. Diese Fähigkeit gilt üblicherweise als Teil der kognitiven Grundausstattung der Spezies Mensch – und ist in der philosophischen Tradition nicht selten als eine Art anthropologische Begabung zur Moral behandelt worden. Welche Art Perspektive übernommen wird – ob es nur um Wahrnehmung geht, um Gedanken, Emotionen, oder um ganze Weltbilder –, bleibt dabei erst einmal offen. In der Kognitions- und Neurowissenschaft wird seit Jahren eine intensive Debatte über diese wundersame Fähigkeit geführt. In jedem Fall scheint „Perspektivübernahme“ nichts zu sein, wofür wir uns schämen müssen.

Doch offenbar gibt es Grenzen, jenseits derer die Bereitschaft dazu suspekt wird. Bestimmte Schuhe wollen wir uns nicht anziehen, in bestimmte Häute nicht schlüpfen (to put oneself in someone else’s shoes, se mettre dans la peau de quelqu’un: andere Sprachen benennen unser Problem auf handfestere Weise). Damit ist klar, dass der Verweis auf die kognitive Grundausstattung nicht allzu viel erklärt. Entscheidend ist nicht, was kognitiv möglich ist, entscheidend ist vielmehr, wer unter welchen Umständen wessen Perspektive übernehmen darf. Und das ist eine kulturelle Frage, eine Frage der gesellschaftlichen Regulierung von Darstellung. Zum Beispiel die Perspektive von Straftätern: Einerseits gibt es in westlichen Gesellschaften eine ganze Reihe von Räumen, in denen solche Perspektiven nicht nur eingenommen, sondern mit großer Energie verhandelt werden: der Gerichtssaal, die Psychiatrie, die Berichterstattung, das Theater, der Film, die Literatur etc. Andererseits kommt es in diesen Räumen, vor allem aber in ihren Zwischenräumen – da, wo die Missverständnisse wohnen – regelmäßig zu Skandalen, die klarmachen, dass die mancherorts vorhandene Lizenz zur Perspektivübernahme keineswegs bedingungslos gilt.

Das kann zum Beispiel dann geschehen, wenn man sich in den immer noch wenig erforschten Zwischenraum zwischen Kunst und Wissenschaft begibt. Dies musste die Gruppe um Julian Klein im Zusammenhang mit ihrem Perspektivexperiment erfahren. Hier war es eine wissenschaftliche Institution, nämlich eine Ethikkommission, die dem Experiment ihren Segen entzog, weil es den Anspruch erhob, eine bestimmte Lizenz aus der Sphäre der Kunst auf ein wissenschaftliches Forschungsprojekt zu übertragen: eben die Lizenz zur spielerischen Übernahme extremer, verstörender Perspektiven. Man darf annehmen, dass bei dieser Zurückweisung nicht nur die Anstößigkeit des dabei verwendeten Materials eine Rolle spielte, sondern auch der „amphibische“ Status des Projekts, das eine theatrale Rahmung nutzte, um wissenschaftlich motivierte Fragen zu untersuchen – ein Versuch, der offenbar als unzulässige diskursive Vermischung wahrgenommen wurde.

Zu Recht wird von der Kunst erwartet, ihrem Publikum mitunter besondere Erfahrungen zu ermöglichen, vor allem nicht alltägliche und emotional herausfordernde, die möglicherweise zu neuartigen (Selbst-)Erkenntnissen und Auseinandersetzungen führen können. Für Infame Perspektiven stellte sich somit die Frage, ob die Motivation der Besucher, sich einer derartigen Erfahrung auszusetzen und ihre individuellen Erlebnisse gleichzeitig für das Ziel eines allgemeineren wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns zur Verfügung zu stellen, den wissenschaftlichen Grundsatz überwiegen kann, die Menschen auch gegen ihren eigenen Willen möglichst von ebensolchen emotional herausfordernden Erfahrungen für die Zwecke der wissenschaftlichen Forschung abzuhalten – selbst wenn diese Vorgänge ansonsten als grundrechtlich erlaubt, moralisch vertretbar oder gar aus übergeordneten Gründen, wie dem hier gewünschten gesellschaftlichen Dialog, als durchaus fruchtbar angesehen werden können.

Unser künstlerisch-wissenschaftliches Projekt löste einen Konflikt verschiedener Prinzipien aus: Die berechtigte Erwartung an die Kunst, sich stellvertretend für die Gesellschaft auch heikler, aber notwendiger Themen anzunehmen einerseits, und die sich aufgrund ethischer Selbstverpflichtungen ebendieser Erwartung entziehende wissenschaftliche Forschungsfreiheit andererseits konnten nicht in Einklang gebracht werden. Auch darin zeigt sich die Sprengkraft des Themas „infame Perspektiven“.

Wo in unserer Gesellschaft befinden sich die Orte, an denen wir uns mit „infamen Perspektiven“ beschäftigen können, sollen oder müssen? Ist das Konzept der Erkenntnis durch Einnahme fremder Perspektiven überhaupt fruchtbar? Verstehen wir dadurch mehr als ohne solche Perspektivübernahme? Gelingt es uns, die Linie zwischen Verstehen und Entschuldigen zu ziehen? Sollen wir diese Aufgabe ganz den jeweiligen Experten überlassen? Oder kann die Öffentlichkeit etwas dabei gewinnen, wenn das Perspektivtabu über dem Infamen gelockert wird? Wenn wir die allzu bequemen Mechanismen der Distanzierung und Dämonisierung in einem gewissen Rahmen außer Kraft setzen? Führt uns dies in die lauen Untiefen des „Irgendwie ist alles menschlich“? Oder gewinnen wir damit am Ende sogar mehr Gerechtigkeit oder Aufmerksamkeit für neue Gefahren? Wir wissen es nicht. Aber wir haben versucht, verschiedene Antworten auf diese Fragen in den folgenden Texten zu versammeln.

1 Vgl. dazu Achim Geisenhanslüke/Martin Löhnig (Hrsg.): Infamie – Ehre und Ehrverlust in literarischen und juristischen Diskursen, Regenstauf 2012.
2 Elana Gomel: Bloodscripts. Writing the Violent Subject, Columbus 2003, S. xlii.
3 Achim Geisenhanslüke spricht vom „schwarzen Ruhm“ der Infamie: Geisenhanslüke: „Foucault, die Infamie und die Literatur“, in: Infamie – Ehre und Ehrverlust in literarischen und juristischen Diskursen, S. 21–35, hier S. 35.

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