Lob des Realismus

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I. Die Realität meldet sich seit einigen Jahren mit Gewalt zurück. Das Ende der Geschichte scheint vorbei zu sein und es werden wieder Fragen gestellt, die ein realistisches Bild der Gesellschaft hervorbringen wollen. Die leninsche Frage: „Wer wen?“ gehört heute ebenso dazu wie die Frage nach den Interessen der Macht und ihrer Legitimation. Die wattierten Zeiten, in denen man mit einer Aussage wie: „Der Golfkrieg findet nicht statt“ als großer Philosoph galt, enttarnen sich langsam als das, was sie schon immer waren: die geschwätzige Seite der neoliberalen Ideologie.

Das neu erwachte Interesse an der Realität hat viele Ursachen. Die Vehemenz, mit der der Alltag von angeblich unregierbaren Kräften beeinflusst wird, lässt immer mehr Menschen an den Dogmen der Kontingenz zweifeln. Die Schockstrategien des Kapitals, die Naturkatastrophen aufgrund der Klimaveränderungen, die Kriege um Rohstoffe und Nahrung, sie alle werden offiziell noch als kontingente Ereignisse einer globalisierten Welt dargestellt. Doch immer weniger Menschen wollen ihr Leben vom Ohnmachtsgefühl bestimmen lassen, in einem Spielcasino oder einer Naturkatastrophe gefangen zu sein. Und immer weniger Menschen wollen die Epoche, in der sie notwendigerweise dieses eine Leben führen müssen, als ein kompliziertes Spiel akzeptieren, dessen Regeln sie nicht durchschauen dürfen.

„Der realistische Wert eines Werkes ist vollkommen unabhängig von allen imitativen Eigenschaften.“
Fernand Léger
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Und so erinnert man sich daran, dass die Kunst in früheren Zeiten nicht nur an der Verrätselung der Welt gearbeitet hat, sondern mindestens in gleichem Maße auch an ihrer Sichtbarkeit und Verstehbarkeit. Alle künstlerischen Realismen waren sich in zwei Punkten einig: Es gibt eine Realität, und wir können versuchen, sie zu verstehen. Und es gibt eine künstlerische Erfahrung, die den Menschen ein gemeinsames Erleben ermöglicht, das sie momentweise davon befreit, ihr eigenes Leben als unverständliche Folge von Zufällen zu erleiden. Eine realistische Darstellung hilft, die Welt begreifen und sich ihre Veränderbarkeit vorstellen zu können.

Heute wagt der Realismus an verschiedenen Stellen in der Gesellschaft einen neuen Anfang, und es ist spannend, dabei mitzuhelfen, dass im Zentrum einer postmodernen Kultur der Glaube an Erkennbarkeit und Veränderbarkeit neu entsteht. Die gegenwärtigen Versuche, sich aus dem zähen Nebel des Relativismus und der Kontingenz zu befreien, sind so vielfältig und ihre Formen so divergent, dass es an der Zeit ist, an einige Traditionen des Realismus zu erinnern.

II.
Bei der gegenwärtigen Wiederentdeckung des Realismus fällt als Erstes auf, dass er zu einem Containerbegriff umgebaut worden ist. Eine hyperkomplexe Realität und eine Kunst, die die Schule der Wahrnehmung in eine totale Ambivalenz gesteigert hat, bilden bei jedem Wahrnehmungsakt eine Gleichung mit Unbekannten auf beiden Seiten. Es lässt sich nicht mehr bestimmen, was realistische Kunst ist und was gerade nicht, denn es lässt sich nicht mehr beurteilen, ob etwas dargestellt wird oder die Darstellung ihr eigener Inhalt geworden ist. Alles kann Ausdruck von Realität sein, wenn es der Kontext und die Rezeption so wahrnehmen wollen.

Gerade die Verweigerung, etwas darstellen zu wollen, die z. B. den abstrakten Expressionismus der 1940er und -50er Jahre auszeichnet, kann eine radikale Erfahrung von Ambivalenz provozieren. In einer Epoche, die das Individuum stärken und die gesellschaftlichen Zusammenhänge entwerten will, kann die Darstellungsvermeidung als realistischer Ausdruck der Zeit verstanden werden. Hat man den Realismus von einer Kunst der Wiedererkennung zu einer der Selbsterfahrung verschoben, so kann ein solcher Realismus unverhofft neue Bedeutungen bekommen. Denn plötzlich taugt er als realistischer Ausdruck in einem Kampf der Weltanschauungen. Der abstrakte Realismus wird zur Waffe im Kalten Krieg.

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