Der Raum spielt

Dies ist ein Buch über Raum. Über Räume, die Mark Lammert auf Bühnen entwickelt. Das Kompositum Bühnenraum lässt die Schwierigkeiten verschwinden, die sich in dieser Zusammensetzung verbergen. Es geht um Bühnen, auf denen Sprachen im weitesten Sinne ihren Raum finden und räumlich bewegt werden. Es geht um Räume, die diesen Bewegungen in jeder Beziehung Raum geben. Räume, die sich aus ihrem Missverständnis einer passiven Gelegenheit lösen, um den Raum selbst und seine Bewegung ins Spiel zu bringen. Einräumen als Bewegung, also Zulassung von Raum und Formulierung von Bewegung. Der Raum erweitert sich, er zieht sich zusammen. Er schließt oder öffnet sich. Er bildet Ausschnitte, er ändert sein Volumen. Farbe tritt auf. Sie kleidet den Raum nicht aus, sie determiniert ihn nicht. Sie erscheint im wortwörtlichen Sinn. Ihre Materialität trägt und verwandelt das Ereignis der Farbe, die sich mit dem Haptischen der bewegten Räume verschwistert und es ausmacht. Niemals verhält sie sich monochrom. Im beweglichen Licht der Bühne, drinnen oder draußen, entfaltet sich ihr Spiel zwischen Nähe und Ferne, zwischen Ähnlichkeiten, die sie zu ihrer Umgebung eingeht, und Unähnlichkeit, auf die sie sich zurückziehen kann, wenn sie uns fremd und rätselhaft wird.

Die Bühne ist kein Gegenstand. Sie lässt sich ebenso wenig einrichten, wie räumliche Behandlungen der Bühne möglich sind, die unabhängig von ihr wie von einer fremden Sache handeln, ohne dass diese Sache selbst dabei im Spiel wäre. Auf der Bühne gleicht jeder Umgang mit Raum einer Aussage nicht über, sondern in oder an einem Raum. Jeglicher Umgang ermöglicht oder verhindert, verstellt oder gewährt einen Raum, ohne dass hierbei an eine abschließende Bewegung zu denken wäre.

Wolfram Koch in „Anatomie Titus Fall of Rome. Ein Shakespearekommentar“ von Heiner Müller, Regie: Dimiter Gotscheff, Bühne: Mark Lammert, Deutsches Theater Berlin 2007, Foto Iko Freese / drama-berlin.de
Wolfram Koch in „Anatomie Titus Fall of Rome. Ein Shakespearekommentar“ von Heiner Müller, Regie: Dimiter Gotscheff, Bühne: Mark Lammert, Deutsches Theater Berlin 2007, Foto Iko Freese / drama-berlin.de

Räume auf Bühnen verlangen eine Auseinandersetzung mit den Bedingungen der Bühne und verlangen darüber hinaus, dass diese Auseinandersetzung zu den Bedingungen wirklich durchdringt und sie erfasst. Räume auf Bühnen sind ohne die gezielte Transformation tradierter Bedingungen der Bühne, ohne den anfänglichen Einsatz von Polemik nicht denkbar.

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