Gerhard Jörder und Thomas Ostermeier im Gespräch

Herr Ostermeier, woher kommen Sie gerade?
Aus Venedig, dort haben wir mit Ibsens Volksfeind gastiert.

Und wohin gehen die nächsten Reisen?
Nach Zagreb, mit Tod in Venedig. Später im Jahr nach Südamerika, wieder mit Volksfeind, São Paulo und Buenos Aires. Mit dem gleichen Stück gastieren wir in New York, eine Woche lang. Dazwischen liegt noch Rom, Hedda Gabler. Fast hätte ich vergessen: St. Petersburg steht auch auf dem Plan.

Foto Jan PappelbaumThomas Ostermeier beim „Hamlet“-Gastspiel in Venedig, 2012. Foto Jan Pappelbaum

Und in den Monaten zuvor waren Sie unter anderem in Lausanne und Lyon, in Montreal und Quebec … Es ist wirklich ein Wahnsinnsprogramm, das Sie und Ihr Haus, quer durch Länder und Kontinente, absolvieren: In jeder Saison ist die Schaubühne mit mehr als hundert Gastspielen unterwegs. Ich hab große Lust, mich mit Ihnen gleich zu Beginn unserer Gespräche darüber zu unterhalten – über diese erstaunlichen internationalen Aktivitäten der Schaubühne, die mir selbst erst bei den Vorbereitungen für dieses Buch im vollen Ausmaß bewusst wurden. Ich glaube, anderen ergeht es ganz genauso. Schließlich bietet die Schaubühne im Heimathafen Berlin ja trotz der unzähligen Gastspiele tagtäglich volles Programm, oft mehrere Aufführungen parallel. Gibt es überhaupt ein anderes deutsches Theater, das sich auch nur annähernd ein solches Auslandspensum aufgebürdet hat?
Da fallen mir nur Tanz-Compagnien ein: Pina Bausch, William Forsythe.

Einige Ihrer großen Ibsen-Inszenierungen, Hedda Gabler und Ein Volksfeind, aber auch Hamletmit Lars Eidinger touren durch die ganze Welt. Auch Sie selbst sind, wenn es nur geht, bei Gastspiel - reisen immer vor Ort. Bei so viel Präsenz und Repräsentanz der Schaubühne kann es nicht verwundern, dass die ZEIT Sie schon vor Jahren als „das Gesicht des modernen deutschen Theaters in der Welt“ bezeichnet hat. Erfüllt Sie das mit Stolz?
Nein, mit so einem Label hab ich eher Schwierigkeiten! Ich kann mich ganz gut selber einschätzen. Ich weiß, dass ich bisher noch nicht großartig Theatergeschichte geschrieben habe – wie etwa Marthaler, Castorf oder Schlingensief, die wichtige ästhetische Spuren hinterlassen haben. Die einzige ästhetische Spur, die meine bisherige Arbeit möglicherweise hinterlassen hat, ist, der neuen Bürgerlichkeit mit Aufführungen wie Nora, Hedda und Volksfeind ein Gesicht zu geben. Die glänzenden und designverliebten Oberflächen der Neuen Mitte werden, glaube ich, mit meinem Namen in Verbindung gebracht. Aber auch der durchgeknallte Hamlet mit der umgedrehten Krone auf dem Kopf. Dass ich im Ausland so erfolgreich bin, hat vor allem mit meiner Erzählweise zu tun. Sehr vieles von dem, was bei uns als absolut angesagte Avantgarde gilt, ist dem Ausland als maßgebliche Theaterästhetik doch gar nicht zu vermitteln. In Amerika und Großbritannien nennt man das gern Euro-Trash. Ich bin, wenn man so will, der kleine Bruder der Dekonstruktivisten: Wenn die großen Brüder alles eingerissen haben, muss einer ja die Scherben wieder aufsammeln und zusammensetzen – das mache ich. Ich dekonstruiere nicht, ich rekonstruiere. Und ich erzähle wieder Geschichten. Die an Narration orientierten Kulturen, die angelsächsischen zumal, überspringen eben einfach die Generation meiner großen Brüder, sie laden sie erst gar nicht ein – und knüpfen direkt bei mir an. Und so wird man (lacht) auf einmal zum Gesicht des deutschen Theaters.

Das leuchtet mir ein: Ihr erzählerischer Realismus ist weltweit verstehbar, während so manche deutsche Regietheater-Spezialität jenseits der Landesgrenzen auf Unverständnis stößt …
Die ganze Welt ist angelsächsisch geprägt, die Kinowelt lebt von Hollywood-Geschichten. Der nordamerikanische Roman ist eine wichtige Referenz im Literaturbetrieb. Und auch thematisch ist vieles von dem, woran sich etwa Castorf abarbeitet, Postsozialismus, DDR-Vergangenheit usw., kaum exportierbar. Aber die Rolle der Frau, die Frage nach der Familie, nach den Glücksversprechen unserer bürgerlichen Gesellschaft – das sind Themen, die überall interessieren.

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