Staging Postdemocracy

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„Gesellschaftsmodell Großbaustelle“. Foto Benno Tobler
„Gesellschaftsmodell Großbaustelle“. Foto Benno Tobler

Wir lebten in postdemokratischen Zeiten, die gewählten Strukturen hätten ihre Macht abgegeben, private Firmen und superreiche Plutokraten erledigten in geheimen Zirkeln die wichtigen Entscheidungen für die Weltgemeinschaft. Die Entscheidungen würden nur noch von Lobbygruppen herbeigeführt und hälfen hauptsächlich den Wirtschaftsverbänden statt der Bevölkerung.

Was sich liest wie ein Pamphlet auf einer Pegida-Demonstration oder aus dem AfD-Wahlkampfprogramm, entstammt der Feder eines Politikwissenschaftlers, der 2004 das vielbeachtete Essay Postdemokratie veröffentlichte und dabei eine kritische Analyse der Nach-Thatcher-Situation in Großbritannien abrechnete. Obwohl der Band nicht der Auslöser für die Produktionsserie Staat 1–4 war, diente er doch als Folie, um Fragen zu generieren, mit denen gewisse Erscheinungen unserer Zeit angesehen werden können.

Knapp drei Jahre hat sich Rimini Protokoll mehr oder weniger ständig mit diesem Begriff beschäftigt. Drei Jahre mögen in Anbetracht von einhundert Jahren kurz erscheinen, jedoch sind einhundert Jahre eine Zeitspanne, die nicht mehr wirklich einer Tiefbohrung entspricht – denn so lange kann man gar nicht ausschließlich in die Tiefe dringen. Die Bewegung gleicht eher einer Spurensuche entlang von Grenzen dessen, was staatliche Institutionen eben noch regulieren. Hat das noch mit Demokratie zu tun? Und welchen Demokratiebegriff bemühen wir da eigentlich? In diesen drei Jahren ist wiederum viel passiert: Vor drei Jahren gab es noch keinen amerikanischen Präsidenten Trump, keinen Brexit, die AfD war noch nicht im Bundestag, Merkel sagte im August 2015 „Wir schaffen das“ und wurde im Dezember vom Times-Magazin als Person of the Year ausgezeichnet. Die Türkei wählte vorgezogen das Parlament, Griechenland sogar zweimal. In Israel, Ägypten, Nigeria, weltweit fanden über hundert Parlaments- oder Präsidentenwahlen statt. Noch nie gab es so viele demokratische Aktivitäten in so vielen demokratischen Ländern. Nach den Terroranschlägen in Paris auf Charlie Hebdo im Januar und den Attentaten vom 13. November wurden Forderungen nach einem Ausbau der Geheimdienste laut, während in Berlin der NSA-Untersuchungsausschuss und investigative Journalisten immer neues Wissen über Selektoren und die Zusammenarbeit zwischen BND und NSA veröffentlichten. 2015 wurden in den USA die groß angelegten Manipulationen der Automobilbranche im Dieselskandal öffentlich. Das „World Economic Forum“ traf sich im Januar zum Motto „The New Global Context“ und im Juli eröffnete der Großflughafen BER wieder einmal nicht. Und während in Westafrika über 11 000 Menschen dem Ebola-Fieber erlagen, trafen sich im Dezember in Paris im Rahmen der UN-Weltklimakonferenz zum ersten Mal alle Staatsoberhäupter der Welt und vereinbarten ein gemeinsames Vorgehen im Kampf gegen den Klimawandel.

In diesem Spannungsfeld von Hoffnung in globale demokratische Prozesse und bedrohlichen Angriffen auf die öffentliche Sicherheit, zwischen dem Aufdecken von Betrugsnetzwerken internationaler Konzerne und dem stetigen Wachsen neonationaler Bewegungen in Europa und den USA begannen die Recherchen zu Phänomenen der Postdemokratie.

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