Geheimnistheater

von

Im Netz des Geheimnisses
Den Kopfhörer aufgesetzt, werde ich von der Stimme des menschlichen Erzählers in der Münchener Glyptothek herzlich willkommen geheißen. „Gleich wirst du dich ins Netz der Geheimdienste begeben, mit deinem Körper.“ – „Aber nur ich werde immer wissen, wo du dich befindest“, ergänzt die andere, computergenerierte Erzählerinnenstimme etwas bedrohlich. Sie lotst mich zu einer antiken Skulptur, „Der Knabe mit der Gans“, und fragt, ob es sich bei dem Dargestellten um Spiel oder Kampf handele. Damit ist der Rahmen von Top Secret International (Staat 1) abgesteckt: Geheimhaltung und Überwachung, Kampf und Spiel. Eingetaucht in Geschichten und Stimmen eines globalen Geflechts aus Überwachungstechnologien und Spionagepraktiken, Sicherheitsfirmen und Geheimnisträgern, klandestinen Operationen und Konflikten, eröffnet sich eine Welt jenseits öffentlicher Sichtbarkeit, demokratischer Partizipation und, so erfährt man, zu guten Teilen jenseits parlamentarischer Aufsicht.

Foto: Benno Tobler
Foto: Benno Tobler

Mit dieser Rahmung besteht ein Bezug zur Diagnose postdemokratischer Zustände, wie sie Colin Crouch (2008) vorgenommen hat: Die wichtigen Entscheidungen würden in postdemokratischen Zeiten zusehends im Verborgenen und hinter geschlossenen Türen gefällt, während öffentliche Debatten zum bloßen Spektakel der Ablenkung verkämen. Geheimhaltung zentraler wirtschafts-, sozial- und sicherheitspolitischer Weichenstellungen bei gleichzeitiger Ruhigstellung und Überwachung der Bevölkerung, so ließe sich der Befund zuspitzen. Mit Jacques Rancières etwas schärfer und ästhetisch gedachtem Begriff der Postdemokratie formuliert, geht es genau darum, dafür zu sorgen, dass es bei allem Spektakel nichts zu sehen gibt – nichts zumindest, was die üblichen Mechanismen politischer und ökonomischer Steuerung und Machtausübung unterbrechen und ihre Legitimation zur Disposition stellen könnte. Im Namen einer demokratischen Politik sucht ein technokratisches Management der Bevölkerung das Aufscheinen eigentlich demokratischer Momente des Disputs über Begriffe, Annahmen und Akteure des politischen Gefüges zu verhindern (Rancière 2010).[1]
Doch scheint mir bei der Bewegung ins Netz der Geheimdienste, die das Stück vollzieht, mehr auf dem Spiel zu stehen als die Inszenierung und Bebilderung solcher Diagnosen. „Was wäre, wenn es keine Geheimnisse mehr gäbe?“, sinniert der menschliche Sprecher zu Beginn. In seinem Fokus auf „das Geheimnis und die geheime Gesellschaft“, um den Titel eines Aufsatzes des Soziologen Georg Simmel aus dem Jahr 1907 zu zitieren, zwingt Top Secret International seine Teilnehmer in ein Geflecht aus secreta und arcana, aus entschlüsselbaren und unverfügbaren Geheimnissen.[2]Dieses Geflecht aus „bewußt gewolltem Verbergen“ (Simmel 1992: 392) scheint mir genauso prä- wie postdemokratischer Natur zu sein. Simmel zufolge ist das Geheimnis als „allgemeine soziologische Form“ zu begreifen, „die völlig neutral über den Wertbedeutungen ihrer Inhalte steht“ (S. 407). Die „Attraktionen des Geheimnisses“ (S. 409) bezeichnen vielmehr einen notwendigen Tatbestand sozialer Differenzierung. Eine Welt, in der es keine Geheimnisse gäbe, ist aus dieser Sicht gar nicht denkbar, oder wenn, dann nur als Schreckensvision: „Das durch negative oder positive Mittel getragene Verbergen von Wirklichkeiten“, schreibt Simmel, „ist eine der größten Errungenschaften der Menschheit; gegenüber dem kindischen Zustand, in dem jede Vorstellung sofort ausgesprochen wird, jedes Unternehmen allen Blicken zugänglich ist, wird durch das Geheimnis eine ungeheure Erweiterung des Lebens erreicht, weil vielerlei Inhalte desselben bei völliger Publizität überhaupt nicht auftauchen könnten“ (S. 406). Was für Anhänger des Transparenzgebotes (Schneider 2013) nach unangenehm reaktionärer Haltung klingen dürfte, ist für Simmel ganz nüchtern eine soziologisch gebotene Praxis, „ohne die angesichts unseres sozialen Umgebenseins gewisse Zwecke überhaupt nicht erreichbar sind“ (S. 407). Dazu kommt die „eigentümliche Attraktion“ geheimnisvollen Verhaltens (S. 407), das ein „Energiefeld“ aufspannt und auf sinnlich-affektiver und damit auch spielerischer Ebene wirkt. Das Geheimnis wird somit zu einem Treibstoff sozialen Zusammenlebens. In einer Art Nullsummenspiel von Verbergen und Enthüllen, Heimlichkeit und Verrat wird es zum Operator gesellschaftlicher Entwicklung[3] Geheimniskrämerei und Ausweitung der Überwachung, so wäre also die vorläufige These, sind keine im besonderen Maße postdemokratischen Phänomene; sie sind den modernen, ausdifferenzierten Gesellschaften gleichsam eingeschrieben.
Vor diesem Hintergrund möchte ich meine Erfahrungen als Objekt und Subjekt nachrichtendienstlicher Erkennung in Top Secret International anhand unterschiedlicher Ebenen bzw. Modi des Geheimnisses reflektieren. Davon unterscheide ich zumindest vier: die individuelle, körper- und affektbezogene Ebene; die strukturelle respektive Organisationsebene; die Ebene der Staatsgeheimnisse (arcana imperii); sowie schließlich die medientechnologisch bedingte Ebene eines security-entertainment complex (Thrift 2011). Die Geheimnismodi dieser Ebenen bedienen sich teils unterschiedlicher Technologien, Materialien, Akteure, Narrative und Affekte. Die analytische Unterscheidung soll gleichermaßen verdeutlichen, wie es dem Stück gelingt, eben diese Modi räumlich und zeitlich miteinander zu verweben. Auf dieser Basis, also über den Umweg des Geheimnisses und unterschiedlicher Geheimniseffekte, möchte ich am Schluss auf die Frage des Postdemokratischen zurückkommen.

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