Dritter Vortrag

von

Mein Verständnis von Theater ändert sich ständig, mit jedem Stück, das ich lese, mit jedem Stück, das ich sehe, mit jedem Stück, das ich schreibe.

Credit: „Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“ von Roland Schimmelpfennig (Woche des Deutschen Theaters, Havanna 2002). Foto Violena Ampudia
„Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“ von Roland Schimmelpfennig (Woche des Deutschen Theaters, Havanna 2002). Foto Violena Ampudia

Seit etwa zwanzig Jahren schreibe ich Stücke, kaum eines davon ähnelt dem anderen, jedes ist anders. Es sind um die dreißig Stücke und Hörspiele entstanden, kurze Prosatexte, Minidramen, ein paar Opernlibretti. Es gibt keine Masche, kein „System Schimmelpfennig“ – auch wenn ich, wie vermutlich jeder Autor, um die gleichen, niemals besiegbaren Obsessionen kreise. Der (Theater-)Stoff sucht sich seine Form. Manche der Texte wie Der goldene Drache, Die arabische Nacht, Push Up 1-3, Vorher/Nachher und Die Frau von früher wandern um die Welt, andere der Texte werden nie gespielt.

Ich komme von der Praxis, ich bin lange Jahre Regieassistent gewesen, später selbst Regisseur. Ich habe als Beleuchter gearbeitet. Meine visuelle Vorstellung von Theater war (als Theatermacher) lange Zeit sehr, sehr einfach, minimalistisch: Kaum „Psychologie“. Keine „vierte Wand“. Nur Rhythmus, Tempo. Phantastik.

Die arabische Nacht ist „narratives Theater“. Entscheidend beim Schreiben des Stücks waren zwei Dinge.

Erstens: die inhaltliche Verschärfung: Die arabische Nacht handelt von Leuten, die in ihrer Existenz gefangen sind.

Zweitens: der erzählerische Ansatz.

Im Sinne eines „narrativen Theaters“ war es mit einem Mal möglich, dass ich nicht mehr darüber nachdenken musste, wie all die Szenen in der Wüste (in dem Stück tritt ein Hausmeister über die Schwelle einer Wohnungstür und steht plötzlich in der Sahara), in der Flasche (in dem Stück küsst ein Mann eine ihm unbekannte schlafende Frau und findet sich plötzlich, sehr klein, in der leeren Cognac-Flasche neben dem Sofa wieder) und so weiter möglich sein könnten. Ich verabschiedete mich von einem Theater der „Illusion“ und fand eine Lösung, eine uralte Spielweise, die den Zuschauer mitnimmt, an der Hand nimmt. Das bedeutete: Erzählung.

Theater ist eine direkte Kunstform. Theater ist eine Kunst, die sich bei ihrer Herstellung durch Schauspieler zusehen lässt. Spielen und Geschichten gehören untrennbar zusammen. Etwas Schöneres gibt es für mich nicht – solange das Theater nicht anfängt, mir etwas vorzumachen.

Der Zuschauer kennt jeden Trick, jede Schraube, jede Pirouette, jede Technik. Jeden Stil. Jeden Manierismus der Sprache. Und weil das so ist, weil es nichts mehr gibt, was wir nicht dürfen, was wir unbedingt ausprobieren müssen, um uns von der Last der Klassik und der Moderne zu befreien, können wir Abkürzungen nehmen. Können, nicht müssen. Wir dürfen es uns erlauben, auf der Bühne sieben Seiten Dialog zu einer halben Seite Prosa schrumpfen zu lassen.

Die Erzählung auf dem Theater, oder noch radikaler: die gesprochene Prosa auf dem Theater erlaubt auf der anderen Seite einen ganz anderen Luxus der Ausführlichkeit im Detail. In Die arabische Nacht erzählten die Figuren noch ihre Geschichte. In Vorher/Nachher von 2001 weicht die Narration teilweise der Beschreibung. Die Figuren lösen sich auf, werden zu Beschreibungen ihrer Selbst. Es kommt zu einer „Narration ohne Erzähler“, doch der Erzähler ist natürlich immer existent. Es kann ihn nicht nicht geben.

Abschnitt 3.3., S. 74-75.

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