Die Ausstrahlung eines Popstars

Vladimir Malakhov über Rudolf Nurejew

von

Rudolf Nurejew ist bis heute ein Star. Unvergesslich, wie er als Tänzer, Choreograph und Ballettdirektor glänzte. Er war besessen, besessen vom Tanz. Ein Leben lang blieb er neugierig und unersättlich. Weltweit erfreute er sich großer Popularität und hielt das Publikum mit seiner virtuosen Technik und seiner Präsenz in Atem. Die Öffentlichkeit und die Medien verfolgten jeden seiner Schritte, zumal er der erste Ballett­tänzer im Kalten Krieg war, der aus der Sowjetunion flüchtete. Im Wes­ten war das eine Sensation, in der Sowjetunion ein Skandal. Ich hörte seinen Namen zum ersten Mal, als ich in Moskau selbst bereits als Tän­zer engagiert war.

In London begegnete Nurejew Margot Fonteyn, als sie sich auf ihren Abschied von der Bühne vorbereitete. Kurz darauf waren sie das Traumpaar des Balletts und bezauberten nicht nur Ballettkenner, son­dern strahlten weit über das Theater hinaus. So wurden sie auch jen­seits der Bühne zu Berühmtheiten und waren Teil des gesellschaftli­chen Lebens. Das Ballett in die Gesellschaft hineinzutragen, ist auch immer mein Anliegen mit dem Staatsballett Berlin gewesen.

Er besaß die Ausstrahlung eines Popstars und war ebenso berühmt. Jedes Jahr hatte er weltweit mehr Auftritte vor ausverkauftem Haus als jeder andere Tänzer. Er musste unbedingt tanzen, weil der Tanz ihm alles bedeutete. Und er hat den Charakter dieser Kunst verändert, die Rolle des Tänzers zum Beispiel. Zu seiner Zeit galt der Tänzer als drit­tes Bein der Tänzerin, als eine Art Kran. Festhalten oder Hochheben, darum ging es bis dahin. Das hat er verändert. Er musste es tun, denn das Publikum kam hauptsächlich seinetwegen. Das Publikum kam, um den großen Tänzer, von dem alle sprachen, zu bewundern.

Rudolf Nurejew. Foto Werner Hammer
Rudolf Nurejew. Foto Werner Hammer

Rudolf Nurejew war eine Ausnahmeerscheinung auf der Bühne. Er besaß ein untrügliches Gespür für Theatralik und verlieh durch seine Inszenierungen klassischer Ballettwerke dem Genre neuen Atem. Ich erinnere mich vor allem an seine Choreographien von »Schwanensee«, »Nussknacker« und »La Bayadère«. Sein anspruchsvoller Arbeitsstil, der wie er selbst legendär war, beeinflusste eine ganze Generation von Tänzerinnen und Tänzern. Insbesondere für uns Tänzer hat er viel geschaffen: große Solovariationen für männliche Protagonisten. Diese großartigen Variationen sind extrem schwierig zu tanzen, aber gleichzeitig überragend. Jede Variation lässt dem Tänzer genügend Spielraum, sein ganzes Können, all seine Möglichkeiten zu zeigen. Ich persönlich bewundere Rudolf Nurejew für seinen starken Charakter, seine Ausstrahlung und die enorme Energie.

Nurejew ist immer noch eine Quelle der Inspiration, und deshalb freue ich mich, dass Jan Stanisław Witkiewicz nach zahlreichen Bal­lettbüchern nun eine Biographie über Rudolf Nurejew vorlegt, in der – neben dem, was wir an Nurejew so schätzen – auch unbekannte Seiten und neue Facetten von ihm sichtbar werden.

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