Identitäten im globalen Village

von

Small Town Boys & Girls

Im Jahr 1984 ging ein Hit rund um die Welt. Seine eingängige Melodie setzte sich in den Köpfen unzähliger Fans fest. Doch der Song bestach nicht nur durch seinen einprägsamen Beat, sondern wesentlich durch seine politische Intention. Die Rede ist von dem Song Smalltown Boy der britischen Synthie-Pop-Band Bronski Beat. Ihr Sänger Jimmy Somerville bezeichnete den Song einmal als emotionalen Schrei eines Ausgestoßenen ohne Zukunft. Er schildert die bewegende Geschichte eines Jungen, der nach seinem Coming-out aus der heteronormativen Enge einer Kleinstadt ausbricht, um seine Homosexualität in der Großstadt jenseits der Zwänge seines verständnislosen Elternhauses frei leben zu können.

„Mother will never understand/ Why you had to leave/ For the answers you seek will never be found at home/ The love that you need will never be found at home/ Run away, turn away, run away, turn away, run away/ Run away, turn away, run away, turn away, run away.“

Foto Esra Rotthoff
Foto Esra Rotthoff

Kartographierungen des Ich

Falk Richters Figuren sind allesamt Small Town Boys und Girls. Um sich aus bürgerlich- familiären Zwängen zu befreien, sind sie einst aufgebrochen zu einem neuen Horizont einer digital verzweigten Welt. Durch ihre Befreiung aus traditionellen Lebenskontexten in der Spätmoderne haben gängige Biografiemuster an Prägekraft für die Entwicklung ihrer eigenen Identität verloren und einen Zerfall sozialer Zugehörigkeit nach sich gezogen. Statt sich an überkommenen Lebensformen zu orientieren, stehen sie vor einem ganzen Spektrum an Optionen. Ihnen kommt die Aufgabe zu, Sinn und Identität selbst zu konstruieren. Der Einzelne ist „Architekt und Baumeister seines eigenen Lebensgehäuses“1 geworden, der sich von nun an im „Supermarkt der Identitätsentwürfe“ aus unterschiedlichen biografischen Bausätzen eine eigene Identität entwerfen muss. Eine regelrechte Jagd nach dem Ich hat eingesetzt. Sie alle sind Kinder einer fortschreitenden Globalisierung, die nachhaltig Auswirkungen auf ihre Identität genommen hat. Das Global Village bildet durch die grenzenlose Zirkulation von Waren, kulturellen Symbolen, Wertgebäuden und Ideen einen Global Store identitätsstiftender Module. Eingeschliffene Identitätsmuster haben im Zuge dessen ihre „Normalität“ verloren. Identität ist in den vorliegenden Stücken keine starre Konstante mehr, sondern eine stets neu zu konstruierende, zu verteidigende und zu erkämpfende Größe. Die gesellschaftliche Forderung, sich aus biografischen Versatzstücken eine eigene Identität zu konstruieren, stellt für die Protagonisten der Stücke ein störanfälliges Projekt dar. Denn der Gewinn an Optionsspielräumen bringt den Verlust von Sicherheit und Zugehörigkeit mit sich. Überforderung und Erschöpfung stellen sich angesichts der Herausforderung ein, permanent aus dem „Supermarkt der Identitäten“ auswählen zu müssen. Damit einher gehen Ängste, sich falsch zu entscheiden. Richters Stücke zeigen eine globale Gesellschaft, die in eine Vielzahl von widersprüchlichen Lebensformen, Werten und Sinnwelten zersplittert ist, und in der die schwierige Suche nach sich selbst zur Zerreißprobe, die Frage nach Identität zum Identitätsstress wird. Es sind rastlose Individuen in transitorischen Zuständen auf einer erschöpfenden Suche nach Identität und übergeordnetem Sinn im Leben. Zerrissen zwischen tief im Bewusstsein eingebrannten Zwängen und der Sehnsucht nach Selbstentfaltung. Es sind Individuen in der Identitätskrise, die Richter in die Kampfzone spätmoderner Individualisierung und Identitätsarbeit zwingt. Seine Stücke sind Suchbewegungen nach dem Selbst – Kartographierungen des Ich.

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