Architektur gegen die Schwerkraft

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„Was ihr wollt“ von William Shakespeare, Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Deutsches Theater Berlin 2015, Foto: Arno Declair
„Was ihr wollt“ von William Shakespeare, Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Deutsches Theater Berlin 2015, Foto: Arno Declair

Performerinnen und Performer fliegen durch die Luft, stehen aufgereiht in engen Kästen, hängen an Drähten, fahren in Maschinen, auf Wagen oder in beweglichen Möbeln, gleiten auf Schlittschuhen über Flächen. Böden heben sich zu Wänden, an denen Performer vertikal hinauflaufen, drehende Scheiben stellen sich auf, Spieler fallen, rutschen steile Schrägen hinab; Zuschauer sitzen in der Vertikale und sehen auf Spieler in die Tiefe. Für die Züricher Inszenierung von Shakespeares „Heinrich IV“ (Regie Stefan Pucher) lässt Barbara Ehnes Könige und Feldherren in Sesseln durch eine offene Halle fliegen. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sitzen in Etagen an den Wänden aufgestapelt, sehen Protagonisten vorbeischweben und unten auf der Erde wechselnde Landschaften und Schlachtfelder verschiedener Kriege. Räume schrumpfen ein, blähen auf oder stehen auf dem Kopf. Das Atelier des „Baumeister Solness“ in einer Inszenierung am Schauspiel Hannover faltet sich zusammen; sein Raum wird flacher, je höher er bauen will. Immer ist etwas in Bewegung in Barbara Ehnes’ Theaterräumen, und immer wird an der Schwerkraft laboriert, mit der die Menschen und Performer sich abmühen wie mit einem konfliktreichen Leben. Immer ist da ein Widerstand, der die Bewegungen der Körper verändert, einschränkt oder ungewollt beschleunigt. Für Meg Stuarts Inszenierung „Replacement“ an der Volksbühne in Berlin wird der Bühnenraum von einer sich drehenden Trommel ausgefüllt, in der Tänzerinnen und Tänzer gegen die Zumutungen der Schwerkraft kämpfen. Die Trommel erscheint als ein normaler Raum, teilweise möbliert, was den grotesken Effekt erhöht. Die Tänzer bewegen sich die Wände hinauf, benutzen die Decke des Zimmers wie dessen Boden, stürzen ab und bewegen sich weiter gegen die Drehung des Raumes. Eine Frage dieser Arbeit von Meg Stuart war, wie weit man gehen kann im Ausloten körperlicher Extreme und wie das darstellbar ist.

Wie weit man gehen kann, fragt Barbara Ehnes mit fast allen ihren Arbeiten. Was ist noch nicht ausprobiert worden? Wo ist ein Anfang? Sie benutzt gerne die Hydraulik und andere Bewegungsapparate, um einen Raum der Veränderung auszusetzen. Ihre Theaterräume erzeugen ungewohnte Perspektiven, bringen die Körper der Spieler in ein neues Verhältnis zu Räumen und Gegenständen, die Zuschauer in ein neues Verhältnis zur Bühne. Die Performer spielen zwischen den Zuschauern, unterhalb der Tribüne, umkreisen sie auf Rampen und Stegen, sind selten eingeschränkt auf einen eingerichteten und definierten Ort.

„Der Sturm“ von William Shakespeare, Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Münchner Kammerspiele 2007, Foto: Arno Declair
„Der Sturm“ von William Shakespeare, Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Münchner Kammerspiele 2007, Foto: Arno Declair

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