Die unendliche Geschichte

20 Jahre Theater HORA

Am Sonntag, dem 2. März 1991, sieht der 33-jährige Zürcher Theaterpädagoge Michael Elber im Theaterhaus Gessnerallee ein Stück, das ihm den Anstoss zu etwas gibt, das die nächsten 23 Jahre seines Lebens – und dazu das Leben nicht weniger anderer Leute – massgeblich mitbestimmen wird: Er sieht die Produktion «Im Stehen sitzt es sich besser» des frisch gegründeten Theaters Thikwa aus Berlin, eine «Kaspar Hauser»-Adaption, deren Titelrolle auf geradezu kongeniale Weise von einem Mann mit Downsyndrom verkörpert wird. Elber, der sich bis dahin in seinem Leben von verschiedenen Interessen hat treiben lassen, mal als Koch und mal als Lehrer, mal als Freiwilliger im Erdbebengebiet gearbeitet und gerade als Theaterpädagoge einen Theaterkurs in einem Wohnheim für «geistig behinderte» Frauen abgeschlossen hat, hat ein Aha-Erlebnis sondergleichen: Wenn man die Sache richtig angeht, können Menschen mit einer «geistigen Behinderung» auf einer Theaterbühne Dinge leisten, an die kein nichtbehinderter Profischauspieler auch nur ansatzweise herankommt. Er beschliesst, zum Wohnheim zurückzukehren, mit den Frauen dort ebenfalls eine «richtige» Inszenierung in Angriff zu nehmen und, davon ausgehend, eine eigene Theatergruppe zu gründen, deren Ensemble aus «geistig behinderten» Schauspielerinnen und Schauspielern besteht: das Theater HORA.

Michael Elber (Gründer und künstlerischer Leiter von Theater HORA) am Schreibtisch der Schauspielhaus Zürich-Intendantin Barbara Frey
Michael Elber (Gründer und künstlerischer Leiter von Theater HORA) am Schreibtisch der Schauspielhaus Zürich-Intendantin Barbara Frey

In Zürich war «das HORA» praktisch aus dem Stand heraus, gleich mit der ersten Inszenierung, so etwas wie eine Institution. Spätestens seit seiner Zusammenarbeit mit Jérôme Bel und der Produktion DISABLED THEATER (2012) und der damit verbundenen Einladung zum Berliner Theatertreffen ist es auch international vielen ein Begriff. Und doch haben die wenigsten eine konkretere Vorstellung davon, wie so etwas funktionieren kann: ein Profitheater, dessen Ensemblemitglieder allesamt eine «geistige Behinderung » haben. Um zu verstehen, wie das bei Theater HORA funktioniert, dafür gibt es dieses Buch.

Wäre Elber auch nur ein bisschen weniger hartnäckig, kampfeslustig, grössenwahnsinnig, dickköpfig, wagemutig, leidenschaftlich, unermüdlich, von seiner Idee geradezu besessen gewesen, sein Theater hätte vermutlich niemals, wie im Juni 2013 geschehen, seinen 20. Geburtstag erlebt. Denn die Theaterwelt, wie wir sie kennen (das sogenannte experimentelle Theater inbegriffen), ist ein weitgehend geschlossenes, von Codes und Konventionen, strengen Aufnahmebedingungen und gnadenlosen Ausschlussmechanismen geprägtes System, eine Form der Normalität, die weniger ein Gegenmodell zur herrschenden gesellschaftlichen Normalität ist als ihr Spiegel. Und Menschen mit einer «geistigen Behinderung», die die Standards der Gesellschaft per Definition nicht erfüllen, sind in dieser Welt – lassen wir den Amateurtheaterbereich einmal aussen vor – erst einmal nicht vorgesehen (und das sehen die meisten Behindertenbeauftragten übrigens nicht viel anders als die Lobbyisten des konventionellen Theaters). Von Anfang an stand Elbers Vorhaben deshalb unter einem ziemlich hohen Beweisdruck.

Ginge es nach ihm, würde dieses Buch vor allem eines tun: die Geschichte der ersten zwanzig Jahre dieses Theaters als eine schier unendliche Aneinanderreihung von dramatischen Behinderungen auf dem Weg zum Erfolg erzählen, von zwischenmenschlichen Konflikten und Tragödien auf allen Ebenen, befeuert durch oft seitenlange, hochemotionale Briefe und E-Mails, von Nervenzusammenbrüchen und wüsten Beschimpfungen, Schauspielerinnen und Schauspielern, die mit brennenden Zigaretten in der Hosentasche auf der Bühne stehen oder sich bei Wutanfällen die Faust an der Wand blutig schlagen, von Liebesglück und Liebesleid, chronischer Arbeitsüberlastung, vollen Hosen, Mord und Feueralarm, von überraschenden Preisgewinnen, Gerichtsklagen, von epileptischen Anfällen, plötzlichem Gedächtnisverlust und Bandscheibenvorfällen, von Fluchtversuchen, Wohnungsräumungen, Hausabbrüchen, Diebstahl, Euphorie und Ermüdung, von Oscar-Preisen und Laudationen, von Whiskyorgien und Diätverordnungen, Kopulationen auf der Hinterbühne, Tiefschlägen und Höhenflügen aller Art – eine Geschichte, in der Berufliches und Privates nur selten voneinander zu trennen sind, weder auf der Bühne noch hinter den Kulissen. Bruchstücke davon finden sich in dem Kapitel «Theater HORA – Die unendliche Geschichte» und verstreut in den Gesprächen. Doch es sind wirklich nur Bruchstücke (mehr dazu im PS).

Die Geschichte dieses Theaters ist mehr: Es ist die Geschichte einer unermüdlichen Suche danach, womit, warum und auf welchen Wegen Menschen mit einer «geistigen Behinderung» mit dem, was sie sind und können, den regulären Kulturbetrieb bereichern können. Es ist die Geschichte eines Forschungsprojekts, das bis heute nicht abgeschlossen ist. So ist ein Grossteil dieses Buches der HORA-Praxis gewidmet, von der es in langen Werkstattgesprächen und Gastbeiträgen, in Bildern, Übungen und Dokumenten sowie in einem vom HORA-Ensemble eigens zusammengestellten Theaterlexikon ein Bild zu geben versucht. Allen, denen das Lesen langer und komplizierter Texte schwerfällt, dienen die Zusammenfassungen in leichter Sprache, die Anne Leichtfuß vom Bonner Magazin Ohrenkuss erstellt hat und die den meisten Textbeiträgen vorangestellt sind.

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