Die Entdeckung der Leichtigkeit

Über die neuesten Stücke von Lutz Hübner und seiner Koautorin Sarah Nemitz

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Was ist schon leicht im Leben? Gar nichts. Zumindest nichts, was der Rede wert wäre. Wir können es uns zwar leicht machen, die Dinge leicht von der Hand gehen lassen oder gar auf die leichte Schulter nehmen. Aber das bewahrt uns letztlich nicht vor einer grausamen Erkenntnis: Das Leichte ist immer das Schwerste. Leicht sind leider Gottes noch nicht einmal diejenigen Angelegenheiten, die wenigstens der Theorie nach leicht sein könnten und es (verdammt noch mal!) auch sein sollten. Das Aufbauen von IKEA-Möbeln, beispielsweise. Das Wechseln von Mobilfunkanbietern. Die Steuererklärung. Das Schneeschippen. Nichts leichter als das!, lockt man uns. Aber alles gelogen. Denn alles, grundsätzlich alles kann schiefgehen – angefangen bei den Herausforderungen des Alltags bis hin zu den grundlegenden Erfahrungen, die Millionen von Menschen vor uns gemacht haben und die dennoch seit Anbeginn der Zeiten keinen Deut leichter geworden sind: Liebe und Partnerschaft, die Wirrnisse der Jugend, die Kämpfe des Erwerbslebens, das Altern in Frieden. Nur der Tod geht meistens nicht schief. Zwischen all diesen Fährnissen sind wir auch noch gehalten, Position zu beziehen in Gesellschaft und Politik, Meinungen zu haben über Dinge, von denen wir nur wenig verstehen, Verhältnisse zu bewerten, zu wahren oder zu verändern, die uns mitunter chaotisch und unbeherrschbar erscheinen. Die Einsicht, dass angesichts dieser Übermacht das Scheitern im Allgemeinen eigentlich der Normalzustand sein müsste, ist in unserer Zeit erstaunlich wenig verbreitet. Zugegeben – es gibt im Leben auch Dinge, die man ab einem gewissen Alter mit spielerischer Leichtigkeit beherrscht. Doch in der Regel ist es andersherum: Die Dinge beherrschen uns.

Wenn schon im Alltag die Last des Lebens schwer auf unseren Schultern wiegt, dann könnten uns wenigstens Kunst und Literatur mit Leichtigkeit erfreuen. Es gibt ja immerhin die „leichte Muse“, wenngleich niemand so recht weiß, was damit überhaupt gemeint sein soll. Ist das Leichte das Triviale, Populäre, das anstandslos Konsumierbare? Das Prinzip der Leichtigkeit in der Literatur ist wenig erforscht. Das mag unter anderem daran liegen, dass zumindest die westliche Tradition das Leichte als literarische Eigenschaft heute eher geringschätzt. Wir denken an Schund- und Arztromane, an rasch aufs Papier geworfene Krimis und Boulevardstücke. Doch das war nicht immer so. Im 18. Jahrhundert erfreuten sich die Qualitäten, die wir heute mit sogenannter leichter Kost assoziieren (zum Beispiel Oberflächlichkeit, Unwahrscheinlichkeit, Unterhaltsamkeit), eines hohen Stellenwerts als ästhetische Kategorien des literarischen „Mainstreams“ – man denke nur an Swift, Diderot oder Voltaire. Erst die Ästhetiken des 19. Jahrhunderts forderten von der Literatur Tiefe und Schwere sowie die gänzliche Hingabe an die „erns - te Behandlung der Alltagsrealität“, wie Erich Auerbach schrieb. Auch wenn das Leichte spätestens mit dem Beginn der Postmoderne im 20. Jahrhundert wieder eine teilweise Rehabilitation erfuhr, so neigen wir doch heute nach wie vor dazu, auf literarische Werke eine Art „Arbeitswerttheorie“ anzuwenden: Je mehr der Autor beim Schreiben schuftet, je mehr der Leser sich den Kopf zerbricht, desto wertvoller das Werk.

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