Unbehagen an der bürgerlichen Ordnung

Spektakel der alltäglichen Warenzirkulation: Passagen

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Kulturhistorisch am bedeutendsten waren im 19. Jahrhundert der Beginn des permanenten Spektakels der Warenzirkulation und des Konsums sowie die theatralen Weltausstellungen. Das Ausstellen, Beschauen, das unmittelbare oder potenzielle Aneignen von Dingen und Aktivitäten, ist die gleichsam typische, wichtigste kommunikative/theatrale Tätigkeit der entfalteten bürgerlich-kapitalistischen Ordnung. Ihre ersten massenwirksamen Warenschauspiele inszenierte sie in den Passagen, den sich jetzt über das ganze Jahr erstreckenden und in die urbanen Zentren gebrachten Jahrmärkten. Schon zu Beginn des Jahrhunderts ließen sie erkennen, dass puritanische Un-Sinnlichkeit, Disziplinierung zur Kargheit, radikaler Utilitarismus nur Momente in der Komplexität neuer historisch signifikanter Haltungen waren. Straßenähnliche Raumfluchten, glasüberdachte Verbindungswege, auf beiden Seiten gesäumt von Läden und Schauspielanbietern, entstanden die Passagen aus den sozialen Umwälzungen an der Wende zum 19. Jahrhundert und als Folge der Emanzipation des Bürgertums. Die neue bürgerlich bestimmte Ordnung schuf öffentliche Raumfolgen, in denen sich Handel und Wandel großstädtisch zu entfalten begannen, um den Bedürfnissen einer rasch wachsenden Massengesellschaft nachzukommen – Räume, wo sich neue Techniken im Warenangebot, in Schaufenstergestaltung, Schriftreklame und Beleuchtung entwickelten. Die neuen Baustoffe Glas und Eisen und neue Beleuchtungstechniken wie, seit den 1820er Jahren, das Gaslicht waren die materielle Grundlage, das Spektakel der „Warenästhetik“, die vieldimensionalen Wahrnehmungsperspektiven und die Beweglichkeit der rezipierenden Fußgänger ihre theatralen Komponenten. Die Gasbeleuchtung ermöglichte seit den 1820er Jahren Passagen auch abends/nachts zu begehen, zu genießen und zu kaufen. Überdachung ermöglichte die Benutzung bei allen Wetterlagen – also stehende, alljährlich arbeitende merkantile und zugleich darstellerische genussbereitende Ereignisse.

Das erste Bauwerk, das als Passage zu bezeichnen ist, war der Palais Royal in Paris. Sein Ruhm als Promenade begann nach 1789 mit dem Fußgänger als wesentlichem Element. Passagen sind Übergang, Ablauf, „eine bemessene Strecke“, Durchgangsräume mit einem Anfang und Ende, vor allem aber – es passiert etwas, „die Bewegung wird zum Ereignis.“ Nicht nur das. Der Passage war ein theatraler Illusionismus inne, ein „gedachter Außenraum als Innenraum – ins Innere hineingezogene Fassade mit Außenarchitektur“. Spezifisches Merkmal war ein zwischen belebten Straßen hindurchgeführter, glasüberdachter Verbindungsweg, der, auf beiden Seiten gesäumt von Reihen einzelner Läden (Detailhandel), in mehreren Etagen vertikal angeordnet, das Angebot öffentlichen Raumes auf privatem Gelände war, nur dem Fußgänger zugänglich, und ein Objekt der Bauspekulation. Die Passage floriert nur, wenn sie im Hauptgeschäftsbereich der Stadt liegt.132

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